Helmut F Kaplan


Hier werde ich jetzt immer ausgesuchte Texte dieses wunderbaren Philosophen hineinstellen:

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Helmut F. Kaplan, Philosoph und Autor, zählt zu den Pionieren der Tierrechtsbewegung und
    ist Berater und Sprecher für ethische Grundfragen bei Arche 2000 e.V. Zahlreiche Bücher
    zur Ethik der Mensch-Tier-Beziehung. Unter anderem das Standardwerk Leichenschmaus -
    Ethische Gründe für eine vegetarische Ernährung sowie Tierrechte - Die Philosophie einer
    Befreiungsbewegung. Letzte Buchveröffentlichung: Wozu Ethik? - Über Sinn und Unsinn
    moralischen Denkens und Handelns. 

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Neu!!!

Von Gutmenschen und schlechten Menschen

"Gutmenschen" als abwertenden Ausdruck zu verwenden, ist ein Skandal für sich: In einer Welt, in der es an nichts so mangelt wie an guten Menschen, "Gutmenschen" als tendenzielles Schimpfwort zu gebrauchen, ist ungeheuerlich. Sicher: Für eine konrete Analyse und Kritik dieses Phänomens bedürfte es einer genauen Definition dieses Ausdrucks. Bis jetzt ist die Bedeutung von "Gutmensch" ja weitgehend diffus und schwammig. Worauf das Argumentieren mit, oder besser: gegen "Gutmenschen" hinausläuft, hat sich mittlerweile allerdings mit hinreichender Deutlichkeit herauskristallisiert: Es geht darum, Menschen, die moralische Werte haben, zu verhöhnen, damit diejenigen, die keinerlei Werte haben, weiterhin uneingeschränkt und hemmungslos ihrem Egoismus frönen können. Konkretes Beispiel: Diejenigen, die weiterhin so viele Tiere wie möglich zu einem so "günstigen" Preis wie möglich quälen, umbringen und aufessen wollen, diffamieren diejenigen, die sie an diesem Verbrechen hindern wollen, als "Gutmenschen" - denen die "realistische", sprich: egoistische Sicht der Dinge fehlt und die es daher in ihre Schranken zu weisen gilt. Jeder, der sich über "Gutmenschen" lustig macht, muß sich fragen lassen, was er denn Gutes tut. Und dabei wird sich in aller Regel herausstellen, daß die vehementesten Kritiker der "Gutmenschen" selber besonders schlechte Menschen sind.

© Helmut F. Kaplan

NEU!

Unmoralische Mehrheiten bedürfen mutiger Minderheiten

Zum Spannungsverhältnis zwischen Demokratie und Ethik

    Mit demokratischen Mehrheiten läßt sich Beliebiges politisch durchsetzen, aber niemals als
    moralisch richtig erweisen. Würde etwa heute eine Mehrheit der Bevölkerung die Verfolgung,
    Vertreibung und Ermordung von Juden und "Zigeunern" befürworten oder dulden, bliebe dies
    selbstverständlich dennoch ein Verbrechen. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Demokratie
    und Ethik bringt naturgemäß gravierende Probleme mit sich.

    Nehmen wir folgenden Fall an: Es gibt Konzentrationslager, in denen regelmäßig Unschuldige
    gefoltert und ermordet werden. Obwohl die Existenz dieser KZs allgemein bekannt ist,
    findet sich in der Bevölkerung dennoch keine Mehrheit für ihre Schließung. Frage: Was
    können, dürfen, müssen diejenigen tun, die an diesen Verbrechen nicht mitschuldig sein
    wollen und sich weigern, davor weiter die Augen zu verschließen?

    1) Sollen diese KZ-Gegner gleich die Demokratie abschaffen, eine Revolution ausrufen, eine
    andere Regierungsform installieren? Ein gefährliches, unsicheres und wenig
    aussichtsreiches Unterfangen.

    2) Sollen die KZ-Insassen, die auf ihre Folterung und Ermordung warten, einfach damit
    vertröstet werden, daß politisches Klima und Mehrheitsverhältnisse momentan leider
    ungünstig seien und sie sich daher ihrem grausamen Schicksal fügen müßten? Ebenfalls keine
    akzeptable Alternative. Bleibt schließlich wohl nur:

    3) Diesen akut und existentiell Bedrohten muß unabhängig von allen politischen
    Mehrheitsverhältnissen und sonstigen allfälligen Widrigkeiten umgehend geholfen werden. Es
    muß sofort alles Mögliche unternommen werden, um sie zu retten. Ethisch entscheidend ist
    hierbei, daß diese "illegale" Hilfe (die KZs sind "demokratisch legitimiert") nicht nur
    irgendwie "tolerabel" oder "erlaubt" ist - sowenig das "illegale" Verstecken von Juden in
    der Nazi-Zeit bloß "tolerabel" oder "erlaubt" war -, sondern daß diese "illegale" Hilfe
    ein absolutes moralisches Muß darstellt. Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur
    Pflicht.

    Daneben muß selbstverständlich die Arbeit auf politischer Ebene fortgesetzt werden - mit
    dem Ziel, alle Konzentrationslager ein für alle Mal zuzusperren und abzuschaffen. Dabei
    gilt es, sich einer Eigenschaft der Demokratie zu entsinnen, die wenig bedacht wird: Es
    werden laufend Entscheidungen getroffen und Dinge durchgesetzt, die, wenigstens anfangs,
    keinerlei Mehrheitschance haben - also bei direkter Abstimmung durch die Bevölkerung
    hoffnungslos scheitern würden.

    Als Beispiele hierfür seien so unterschiedliche Dinge genannt wie die Einführung der
    Gurtenpflicht, alle Minderheitenrechte, die tatsächlich oder angeblich zu Lasten der
    Mehrheit gehen, sowie die Einführung des Euro. Diese Liste ließe sich beliebig verlängern.
    Ununterbrochen werden Neuerungen entweder "still und leise" einfach "durchgezogen" oder
    aber so lange politisch vor- und aufbereitet, bis sie mehrheitsfähig sind - oder bis gegen
    sie zumindest keine nennenswerten Proteste mehr zu erwarten sind. Man denke nur an die
    immensen Widerstände, die es gegen EU und Euro gab, und wie beides heute nicht nur als
    Selbstverständlichkeit akzeptiert, sondern als Errungenschaft gefeiert wird!

    Demokratie ist eben ein viel komplexerer und letztlich "undemokratischerer" Prozeß, als
    meist angenommen wird. Und dies hat durchaus auch Vorteile: Ohne solche Korrektiv-
    Mechanismen wäre Demokratie als Regierungsform völlig untauglich, weil Vernunft und Moral
    oft wenig Chancen hätten, sich Gehör zu verschaffen.

    PS: Die oben erwähnten Unschuldigen, die es sofort vor Folter und Ermordung zu retten
    gilt, existieren wirklich: Es sind die Tiere, die in unseren Versuchslabors, Tierfabriken
    und Schlachthöfen ihres gräßlichen Schicksals harren. Sie zu befreien, ist in keinem
    diffusen Sinne lediglich "zulässig", sondern vielmehr unabdingbare moralische Pflicht.

    © Helmut F. Kaplan

    Helmut F. Kaplan, Philosoph und Autor, zählt zu den Pionieren der Tierrechtsbewegung und
    ist Berater und Sprecher für ethische Grundfragen bei Arche 2000 e.V. Zahlreiche Bücher
    zur Ethik der Mensch-Tier-Beziehung. Unter anderem das Standardwerk "Leichenschmaus -
    Ethische Gründe für eine vegetarische Ernährung" sowie "Tierrechte - Die Philosophie einer
    Befreiungsbewegung". Letzte Buchveröffentlichung: "Wozu Ethik? - Über Sinn und Unsinn
    moralischen Denkens und Handelns". www.vegetarismus.org/kaplan

Warum Tierethik und Tierrechte?

    Helmut F. Kaplan

    Da wir, Gott sei Dank, in keinem "Gottesstaat", sondern in einem weltlichen Land leben,
    müßte die Frage eigentlich umgedreht werden: Warum keine Tierethik und Tierrechte? Denn
    wenn wir religiöse und pseudoreligiöse Begriffe wie etwa "unsterbliche Seele" oder
    "Menschenwürde" beiseite lassen, erkennen wir augenblicklich, was nur im religiösen oder
    ideologischen Wahn übersehen werden kann: Auch Tiere haben jene Eigenschaften, die
    Lebewesen zu moralisch berücksichtigungswürdigen Geschöpfen machen: sie sind wie wir
    glücksfähige, leidensfähige Wesen, deren Wohlbefinden davon abhängt, wie wir sie
    behandeln. Und selbstverständlich haben auch Tiere das Recht, so zu leben, wie es ihren
    Anlagen, Bedürfnissen und Interessen entspricht.

    Menschliche Herrenrasse

    Sience Fiction mit interessanten Parallelen: Primaten unterjochen im Kinofilm "Planet der
    Affen" den Homo Sapiens.
    Im deutschen Sprachraum hat sich als Bezeichnung für die Bewegung, die auch Tierrechte
    Ernst nimmt und durchsetzen will, der Name "Tierrechtsbewegung" eingebürgert. Durchaus
    üblich ist aber auch die Bezeichnung "Tierbefreiungsbewegung". Damit wird Bezug genommen
    auf vergleichbare vorangegangene Bewegungen, wie etwa die zur Befreiung der Sklaven oder
    zur Emanzipation der Frauen.

    Die Tierrechtssbewegung ist in der Tat die konsequente Fortsetzung dieser
    Befreiungsbewegungen: So wie wir erkannt haben, daß die Hautfarbe für die Gewährung von
    Rechten belanglos ist und daß die Geschlechtszugehörigkeit hierfür belanglos ist, so
    erkennen heute weltweit immer mehr Menschen, daß auch die Spezieszugehörigkeit hierfür
    belanglos ist: Warum soll man jemanden ausbeuten und quälen dürfen, weil er zu einer
    anderen Spezies gehört? Rassismus, Sexismus und Speziesismus befinden sich logisch und
    ethisch auf der gleichen Ebene.

    Während sich der traditionelle Tierschutz de facto mit der "Reformierung" oder
    "Humanisierung" der Ausbeutung von Tieren begnügt, fordert die Tierrechtsbewegung die
    Beendigung dieser Ausbeutung. Denn eine "Humanisierung" etwa der Schlachtung ist letztlich
    ein ebensolches Unding wie eine "Humanisierung" von Sklaverei oder Folter oder die
    Zulassung von "sanfter Vergewaltigung".

    Das Neue an der Tierrechtsbewegung ist vor allem ihr explizit rationaler Charakter.
    Alle
    vorangegangenen Initiativen zur Verbesserung des Loses der Tiere hatten, zumindest auch,
    religiöse, ideologische oder esoterische Wurzeln - mit einem verheerenden Nebeneffekt:
    Alle Thesen, Diskussionen und Forderungen wiesen stets einen hohen Glaubensanteil auf und
    waren daher entsprechend angreifbar. Vor allem aber:

    Lehren und Einstellungen, die mit einem bestimmten Glauben verknüpft sind, sind in ihrer
    Wirksamkeit von vornherein auf diejenigen beschränkt, die diesen Glauben teilen. Wer etwa,
    um ein Beispiel zu nennen, den Vegetarismus mit dem Glauben an die Seelenwanderung
    begründet, kann nur diejenigen überzeugen, die an die Seelenwanderung glauben.

    Der strikt rationale Charakter der modernen Tierrechtsbewegung kommt unter anderem darin
    zum Ausdruck, daß sie ihre Kritiker konkret fragt, warum denn Tieren eigentlich keine
    Rechte zugestanden werden sollten. Als Antwort hierauf kommt regelmäßig der Hinweis auf
    bestimmte, angeblich nur dem Menschen zukommende Eigenschaften oder Fähigkeiten - etwa
    Autonomie, Rationalität oder Selbstbewußtsein.

    Unleugbare, wissenschaftlich nicht zu widerlegende Tatsache aber ist: Kein Merkmal, das
    vernünftigerweise irgendwie als moralisch relevant angesehen werden kann, verläuft entlang
    der Speziesgrenze Mensch - Tier. Mehr noch: Es gibt immer Tiere, bei denen das betreffende
    Merkmal sogar stärker ausgeprägt ist als bei bestimmten Menschen.

    Wenn wir, um bei den obigen Merkmalen zu bleiben, an Autonomie, Rationalität und
    Selbstbewußtsein als Voraussetzung für die Verleihung von Rechten festhalten, dann müssen
    wir komatösen Menschen, vielen geistig behinderten, geisteskranken, hirngeschädigten und
    senilen Menschen sowie allen kleinen Kindern jedwede Rechte absprechen.

    Formulieren wir hingegen die Kriterien für das Zugestehen von Rechten so großzügig, daß
    sie auch von diesen Menschen erfüllt werden, müssen wir konsequenterweise auch vielen
    Tieren, die wir heute täglich millionenfach für Versuchszwecke quälen oder für
    Ernährungszwecke töten, Rechte verleihen, da diese Tiere diese Kriterien spielend
    erfüllen.

    Um diesem unausweichlichen Dilemma zu entkommen, daß viele Menschen, denen wir Rechte
    nicht absprechen wollen, in bezug auf beliebige Merkmale ein deutlich niedrigeres Niveau
    aufweisen als viele Tiere, wurden mehrere argumentative Fluchtmöglichkeiten ersonnen. Aber
    diese haben sich letztlich ausnahmslos als Sackgassen erwiesen. Es gibt schlicht keine
    rationale Rechtfertigung dafür, Tieren Rechte abzusprechen.

    Die Frage "Tierrechte - ja oder nein?" ist deshalb auch weniger eine philosophische als
    vielmehr eine politische: Sind wir bereit, auch die Rechte der Schwächsten, die uns
    hilflos ausgeliefert sind, zu respektieren, oder wollen wir auch weiterhin gemäß dem
    praktischen, aber barbarischen "Recht des Stärkeren" handeln? "Wir leben zwar", schreibt
    Alexander Solschenizyn, "im Computerzeitalter, aber noch immer nach dem Grundgesetz der
    Steinzeit: Wer den größeren Knüppel schwingt, hat auch recht. Bloß wahrhaben wollen wir es
    nicht."

   

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Verehrt und verteufelt

Zur Irrationalität der Mensch-Tier-Beziehung

Unser heutiger Umgang mit Tieren ist widersprüchlich und irrational: mal hätscheln wir sie, weil sie "süß" sind, mal verfolgen wir sie, weil sie "böse" sind, und mal foltern wir sie, weil das "nützlich" ist. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt freilich, daß unsere irrationale Einstellung gegenüber Tieren alles andere als neu ist. In seinem Buch Mensch und Tier beschreibt Juri Dmitrijew zahlreiche unvernünftige Haltungen und Praktiken gegenüber Tieren: Unter den vielen Tieren, die im alten Ägypten als heilig galten, nahm das Krokodil eine Sonderstellung ein. Das kam so: Jedes Jahr erwarteten die Menschen ungeduldig das Hochwasser des Nils. Denn vom Schlamm, den die Überschwemmungen zurückließen, hing die Ernte ab. Viel Schlamm bedeutete eine reiche Ernte. Mit dem Hochwasser kamen regelmäßig auch viele Krokodile. Die Menschen glaubten nun aber nicht, daß das Hochwasser die Krokodile brachte, sondern umgekehrt, daß die Krokodile das Hochwasser brachten. Deshalb verehrten sie diese Tiere. In den Marmorbecken der Parks rund um die Gotteshäuser wurden "heilige Krokodile" angesiedelt. Ihre Pfoten schmückte man mit goldenen Ringen und Armbändern und auf ihren Köpfen trugen sie wertvolle Edelsteine. Die Speisen wurden den Tieren auf silbernen Platten gereicht. Und einmal jährlich fand in Kairo das "Fest des Nils" statt, in dessen Verlauf den Krokodilen ein besonders schönes Mädchen geopfert wurde. Die Griechen und Römer glaubten, daß einige ihrer als heilig verehrten Tiere die Fähigkeit besäßen, die Zukunft vorauszusagen. Diese Tiere wurden in besonderen Tempeln gehalten und auf Feldzüge mitgenommen. In Rom waren es vor allem die Hühner, die man als Wesen mit prophetischen Gaben verehrte. Das Verhalten dieser Tiere wurde als Zeichen für künftiges Geschehen gedeutet. Besonders achtete man dabei auf den Appetit der Hühner bei Sonnenuntergang: fraßen sie viel, war es ein gutes Zeichen, hatten sie aber wenig Appetit, stand Unheil bevor. Nicht selten wurden wichtige Schlachten verschoben, weil die Hühner wenig gefressen hatten. So sehr die Menschen unterschiedlicher Kulturen manche Tiere auch verehrten und vewöhnten - von Dauer war diese Wertschätzung keineswegs immer. Ein drastisches Beispiel hierfür liefert der Umgang mit Katzen. In Ägypten galten Katzen als besonders heilig. Sie scharten sogar fast mehr Gläubige, die sie verehrten, um sich als alle anderen heiligen Tiere zusammen. Auf die Tötung einer Katze stand, selbst wenn sie unbeabsichtigt erfolgte, die Todesstrafe. Nicht selten wurden die Schuldigen von der Bevölkerung gelyncht. Verstorbene Katzen wurden einbalsamiert und in Kistchen bestattet. Diese waren häufig aus Gold oder Silber gefertigt und reich mit Edelsteinen verziert. Beigesetzt wurden die Tiere auf besonderen Friedhöfen. Im Jahre 1860 wurde in Ägypten ein Katzenfriedhof entdeckt, auf dem nicht weniger als 180.000 Tiere ihre letzte Ruhe gefunden hatten. In Südeuropa konnten sich Katzen einer ähnlichen Wertschätzung erfreuen. So wurden sie etwa von den Griechen und Römern als Symbol der Freiheitsliebe verehrt. Aber im Mittelalter wurden Katzen plötzlich verfolgt: Im Bestreben der allmächtigen Kirche, alles aus dem Orient Stammende zu vernichten, wurden Katzen zu einem der ersten Opfer kirchlicher Säuberungspolitik. In dem Maße, in dem sie früher verehrt worden waren, wurden sie jetzt verfolgt - als Ausgeburt der Hölle und Helfer des Teufels. Besonders gewütet hat man gegen Katzen im Zusammenhang mit den Hexenverfolgungen. Das hatte zwei Gründe. Erstens glaubte man, daß sich Hexen zeitweise in Katzen verwandelten, zweitens verdächtigte man Hexen, über Katzen in Verbindung mit dem Teufel zu stehen. Folgerichtig wurden Katzen oft gemeinsam mit den Hexen gefoltert und verbrannt. In vielen Ländern Europas war es außerdem üblich, an bestimmten Tagen "Treibjagden auf Hexen" zu machen, sprich: Katzen zu fangen und zu töten. In Holland gab es sogar einen "Katzenmittwoch", an dem Katzen massenweise umgebracht wurden. Im Mittelalter waren auch Tierprozesse an der Tagesordnung. Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurden in vielen Ländern Europas zahllose Tiere wegen diverser "Verbrechen" verfolgt und verurteilt. Man unterschied zwischen "Zivil- und Strafsachen". Erstere verliefen recht human. So gewann etwa 1480 in Frankreich ein Advokat einen Prozeß, indem er vor Gericht ausführte, warum seine Mandanten, zahlreiche Mäuse und Ratten, nicht vor Gericht erscheinen könnten: ihre Wohnorte seien so weit voneinander entfernt und ihre Höhlen so tief, daß sie nicht hören könnten, wenn sie vor Gericht geladen werden. Also beschloß das Gericht, in allen Dörfern die Vorladung der Tiere zu verlautbaren. Leider nutzte auch das nichts. Der Anwalt erläuterte, warum: Auf ihrem langen Weg zum Gericht würden den Mäusen und Ratten auf Schritt und Tritt Katzen, Füchse und Eulen auflauern. Darüber hinaus erklärte er, daß es ohnehin nicht angehe, die Tiere wahllos und kollektiv anzuklagen, sondern daß es vielmehr darauf ankomme, die individuelle Schuld der einzelnen Tiere nachzuweisen. Da dies nicht möglich war, wurde das Verfahren schließlich eingestellt. Bei "Strafsachen" wurde eine wesentlich härtere Gangart eingeschlagen. Hier landeten die meisten Angeklagten auf dem Scheiterhaufen oder am Galgen. Vom 12. bis zum 17. Jahrhundert wurden allein in Frankreich etwa 100 Todesurteile gegen Tiere ausgesprochen. Aber auch in Italien, Deutschland, England, Holland, Schweden und in der Schweiz wurde über Tiere zu Gericht gesessen. Einige Beispiele: Im 13. Jahrhundert wurde ein Schwein zum Tod durch den Strang verurteilt, weil es seinen Wurf aufgefressen hatte. Im 14. Jahrhundert endete ein Stier am Galgen, weil er einen Menschen angefallen hatte. Und im 18. Jahrhundert wurde ein Stier lebendig begraben, weil er angeblich eine Seuche verschuldet hatte. Tiere konnten aber nicht nur als Angeklagte vor Gericht geladen werden, sondern auch als Zeugen. Wenn etwa ein Mensch überfallen worden war und niemand außer einer Katze dies beobachtet hatte, so mußte diese als Zeuge "aussagen". Das konnte freilich auch gefährlich werden. Wenn nämlich das Gericht befand, daß der Zeuge nicht laut um Hilfe geschrieen habe, wurde häufig über ihn die Todesstrafe verhängt. Vor der Hinrichtung wurden die Zeugen oft noch grausam gefoltert. Die Schreie galten als Geständnis. Die Geistlichen im Mittelalter widmeten den Tieren große Aufmerksamkeit, indem sie lange "wissenschaftliche Dispute" über sie führten. Einig wurden sie sich dabei allerdings nicht. Einige glaubten, daß Tiere als Geschöpfe Gottes eine unsterbliche Seele hätten. Andere bedauerten sie, weil ihnen kein ewiges Leben beschieden sei. Und wieder andere waren davon überzeugt, daß alle Tiere vom Teufel besessen seien. Unser Umgang mit Tieren war also, wie diese historischen Beispiele zeigen, immer höchst willkürlich und irrational. Anstatt Tiere als biologische Wesen mit bestimmten physischen und psychischen Eigenschaften zu erkennen, wurden sie oft als Heilige verehrt oder zu Teufeln erklärt. Und anstatt die üblichen ethischen Prinzipien auch auf Tiere anzuwenden, wurden für Tiere immer wieder moralische "Sondergesetze" erlassen: Regeln, die wir im Umgang mit Menschen nicht oder wenigstens nicht mehr akzeptieren - etwa das "Recht des Stärkeren". Die Tierrechtsbewegung verwirklicht erstmals in der Geschichte, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: daß wir Tiere als verwandte Wesen betrachten und gemäß jenen moralischen Regeln behandeln, die wir auch im Umgang mit Menschen für richtig halten.

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Die Menschen kommen zuerst!

Einer der beliebtesten und dümmsten Vorwürfe gegen Tierrechtler *lautet: "So lange es auf der Welt so* viel menschliches Leid gibt, ist es unverantwortlich, Zeit und Energie für Tiere zu verschwenden.* Die Menschen kommen zuerst!" Wer diese Forderung erhebt, beweist zweierlei: Erstens, daß er nicht weiß, wovon er spricht, und zweitens, daß er nicht zu jenen gehört, denen die Menschen wirklich am Herzen liegen:

Wer sich nämlich wirklich um Menschen kümmert, dem sind auch die Tiere ein Anliegen, und wer sich wirklich um Tiere kümmert, dem sind auch die Menschen ein Anliegen. Ethik ist unteilbar!

"Die Menschen kommen zuerst!" ist ein billiger und schäbiger Vorwand dafür, um weder für Tiere noch für Menschen etwas zu tun. In Wirklichkeit sind ja auch Tierrechtsbewegung und Menschenrechtsbewegung eine Einheit.

Man kann nicht Sklaven befreien oder Frauen emanzipieren oder Homosexuelle anerkennen oder Tiere schützen. Vielmehr muß man einfach einmal erkennen: Die Interessen eines Lebewesens dürfen nicht deshalb weniger zählen, weil dieses Lebewesen zu einer anderen Gruppe gehört. In der konkreten Praxis ist freilich, wie im gesamten Bereich gemeinnütziger Tätigkeiten, eine Aufgabenteilung sinnvoll und selbstverständlich.

Daher ist auch überhaupt nichts Anstößiges daran, daß sich einige Menschen auf die Belange von Tieren konzentrieren. Einer Museumsgesellschaft wird schließlich, wie Gotthard M. Teutsch treffend feststellt, auch nicht vorgeworfen, daß sie sich nur um alte Kunst und nicht auch um alte Menschen kümmert!

In weiten Bereichen läßt sich Menschen- und Tierliebe aber ohnehin trefflich unter einen Hut bringen. So wird zum Beispiel niemand in seinem Engagement für Menschen dadurch beeinträchtigt, daß er keine Tiere umbringt und aufißt! Darüber hinaus sind solche absoluten Prioritätensetzungen wie "Die Menschen kommen zuerst!" ohnehin von vornherein unsinnig und unverantwortlich.

Nehmen wir etwa die Forderung: "Für unsere Nächsten sind wir mehr verantwortlich als für Fremde." Das können wir zwar vielleicht im Konfliktfall als Verhaltensregel akzeptieren. Aber es wäre doch, wie Teutsch bemerkt, völlig abwegig, Fremden immer erst zu helfen, wenn bei unseren Nächsten alle Bedürfnisse voll befriedigt sind! Es wäre absurd zu sagen: "Spenden für verhungernde Kinder in Afrika kommen erst in Frage, wenn alle meine Kinder einen eigenen Fernseher haben."

Oder nehmen wir die an sich vernünftige Prioritätensetzung: "Überleben ist wichtiger als Gleichberechtigung." Selbst hier wäre eine Verabsolutierung unverantwortlich. Das erkennt man sofort an der Unhaltbarkeit eines Vorwurfs wie: "Wie kann man nur bei uns für die Gleichberechtigung der Frauen kämpfen, solange sich in Afrika die Menschen gegenseitig abschlachten!" Absolute Prioritätensetzungen sind, wie leicht erkennbar, unsinnig und unmenschlich. Auch geht es nicht nur um abstrakte Prioritäten, sondern auch darum, wo uns Leid und Unrecht persönlich konkret begegnen.

Wenn wir zum Beispiel zu einem Autounfall kommen, wäre es abwegig zu sagen: "Leider kann ich hier jetzt nicht helfen, denn anderswo gibt es noch viel schrecklichere Unfälle!" Selbstverständlich müssen wir dort handeln und eingreifen, wo wir Leid und Unrecht antreffen. Und: Mit Unrecht gegenüber Tieren werden wir täglich konfrontiert - auf unserem Teller.

^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^ Tierversuche und Menschlichkeit

Es gibt buchstäblich nichts, was Tieren bei Tierversuchen nicht angetan wird. Keine Grausamkeit, und sei sie noch so scheußlich oder sinnlos, wird ausgelassen. Ich zitiere aus einer mir gerade vorliegenden Quelle (einer Information der Tierversuchsgegner Nordrhein-Westfalen e. V. im Bonner General-Anzeiger vom 21. 1. 1993):

*"Sie werden verbrannt, verbrüht, erdrosselt, eingefroren und wieder aufgetaut, erstickt, mit Elektroschocks traktiert, Hitze und Kälte sowie Hunger- und Durstversuchen ausgesetzt, rauschgiftsüchtig gemacht, mit Protonen bestrahlt, bis ihre Augen regelrecht zu kochen beginnen, geköpft, ihnen wird das Genick gebrochen, man benutzt sie als Zielscheibe, um die Rasanz von Geschossen zu erproben, ... man entnimmt ihnen einen Augapfel und unterbindet die Blutgefäße im Gehirn, jungen Tieren werden die Augen zugenäht, sie werden von ihren Müttern isoliert und in Dunkelhaft gehalten, man elektrifiziert ihre Futternäpfe, was zur völligen seelischen Zerstörung führt, in ihr Gehirn verbringt man Wattebäusche, um einen Wasserkopf mit fünffachem Hirndruck zu erzeugen, ... man zerquetscht ihnen die Gliedmaßen, pumpt ihnen Parfum in den Magen, vergiftet sie mit Chemikalien, was Schüttelkrämpfe, Erbrechen, Fieber, Durchfall, Lähmungen, unerträgliche Schmerzen und schließlich den Tod zur Folge hat, ihnen werden die Knochen gebrochen, man trennt ihren Kopf vom Rumpf ... und versucht dann, den Kopf zu reanimieren."*

Selbstverständlich müssen Tierversuche vor allem wegen des schrecklichen Leidens der betroffenen Tiere verboten und verhindert werden - mit allen Mitteln, ist man versucht zu sagen. Daß dies bis jetzt nicht geschehen ist, beruht auf der Schlechtigkeit des Menschen. Es gibt aber auch noch einen anderen Grund dafür, daß Tierversuche geächtet werden müssen. Und daß dieser bis jetzt nicht erkannt, geschweige denn berücksichtigt wurde, beruht auf der Dummheit und Kurzsichtigkeit des Menschen:

Durch Tierversuche konservieren und reproduzieren wir eine der verhängnisvollsten Hinterlassenschaften unserer Entwicklung: den Hang zur grenzenlosen Grausamkeit. Solange wir Wesen, die wie wir leiden, derart hemmungslos quälen, dürfen wir uns nicht über die bestialischen Grausamkeiten gegenüber Menschen wundern. Solange wir uns der fatalen Neigung zur Grausamkeit nicht offen stellen und sie an der Wurzel bekämpfen, müssen wir mit ihren Folgen überall rechnen. Denn die menschliche Seele beachtet nicht die künstliche Grenze, die wir zwischen Menschen und Tieren gezogen haben.


Letzte Änderung: 4.10.2002 10:31:50 - Autor: Brigitte Rondholz - Letzter Autor: Brigitte Rondholz
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