Neuer Text Von Helmut F Kaplan


Liebe Tierfreunde,

 Hier wieder ein brandneuer Text des besten Philosophen unserer Zeit:
 Helmut F. Kaplan, Philosoph und Autor, zählt zu den Pionieren der Tierrechtsbewegung und ist
 Berater und Sprecher für ethische Grundfragen bei "Arche 2000 e.V". Zahlreiche Bücher zur Ethik
 der Mensch-Tier-Beziehung. Unter anderem das Standardwerk "Leichenschmaus - Ethische Gründe für
 eine vegetarische Ernährung" sowie "Tierrechte - Die Philosophie einer Befreiungsbewegung".
 Jüngste Buchveröffentlichung: "Wozu Ethik? - Über Sinn und Unsinn moralischen Denkens und
 Handelns". www.vegetarismus.org/kaplan

Der nachfolgende Text ist hier mit Bildern im Original zu lesen: http://www.fellbeisser.de/cgi-bin/go.cgi?go=fellbeisser/news/archiv/2002/februar/0146.html

 Der Verrat des Menschen an den Tieren

 Helmut F. Kaplan

 Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still, erschöpft, und eins, welches blutete, schaute
 dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen
 wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist
 und nicht weiß, wofür, und auch nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll.

 Rosa Luxemburg über die als Zugtiere mißbrauchten und geschundenen rumänischen Büffel, die sie
 durch ihr Zellenfenster beobachten konnte. (1)

 Verrat ist wahrscheinlich jene Beziehung, die für unser Verhältnis zu Tieren am
 charakteristischsten ist. Sicher, auch Grausamkeit ist ein hervorstechendes Merkmal unseres
 Umgangs mit Tieren. Aber Verrat als Grundhaltung geht den einzelnen Akten der Grausamkeit
 voraus und überdauert diese.

 Letztlich sind wohl die meisten Begegnungen von Menschen mit Tieren von Verrat gekennzeichnet.
 Das trifft nicht nur auf jene widerwärtigen Fotos zu, auf denen lachende Metzger, Bauern oder
 Politiker mit Tieren zu sehen sind, die sie bald umbringen oder aufessen werden. Verrat ist
 auch bei scheinbar harmlosen Anlässen allgegenwärtig, etwa wenn wir zufällig mit Tieren in
 Berührung kommen: Sie sind zutraulich und begegnen uns freundlich und wohlgesinnt, wir aber
 sind rücksichtslos, bösartig, und heimtückisch - oder haben zumindest entsprechende (Hinter-
 )Gedanken.

 Urbild und diabolischer Höhepunkt unseres Verrates an den Tieren ist das hinterhältige
 Hinführen der Tiere zum Umgebrachtwerden. Der von Zynismus triefende Text unter einem Foto, das
 eine Gänseschar mit ihrem "Hirten" zeigt, veranschaulicht mit schauerlicher Prägnanz den
 menschlichen Verrat an den Tieren: "Die Gänse folgen Tag für Tag dem Hüter voll Vertrauen ins
 Nachtquartier. Sie werden demnächst ebenso vertrauensselig wie ahnungslos hinter ihm zur
 Schlachtbank marschieren." (2)

 Um den menschlichen Verrat an Tieren in seiner ganzen Abartigkeit und Abscheulichkeit
 aufzuzeigen, wollen wir im folgenden drei hierfür wesentliche Tatsachen herausarbeiten:

 1. Tiere verhalten sich uns gegenüber freundlich und hilfreich

 Tiere begegnen uns, wie gesagt, in aller Regel freundlich. Natürlich gibt es auch Situationen,
 in denen dies anders ist, etwa, wenn uns ein Löwe im Urwald, ein Hai im Ozean oder ein Krokodil
 im Nil angreift. Aber das sind ausgesprochene Ausnahmen. Moralisch entscheidend und für den
 Menschen typisch ist, wie wir uns gegenüber jenen Tieren verhalten, mit denen wir "in der
 Zivilisation" zusammenleben, die von uns abhängig sind und die uns absolut "nichts getan"
 haben.

 Tiere begegnen uns aber auch abseits menschlicher Siedlungen oft freundlich, ja sie retten uns
 manchmal sogar das Leben - "von sich aus", ohne sich in irgendeinem Abhängigkeitsverhältnis zu
 uns zu befinden. So hat etwa ein Delfin einen 14-jährigen Buben gerettet, der an der
 süditalienischen Küste vor Apulien in Seenot geraten war. Der Junge, der nicht schwimmen
 konnte, war von einem kleinen Boot ins Meer gefallen. "Dort habe", so ein Zeitungsbericht,
 "sich ein Delfin dem Buben genähert, ihn mit seinem Körper an der Wasseroberfläche gehalten und
 mit sanften Stößen in Richtung des Bootes befördert" und ihm so das Leben gerettet. (3) Solche
 tierlichen Rettungsaktionen sind erwiesenermaßen keine Einzelfälle.

 E. Gavin Reeve (4) berichtet von einem Mischlingshund namens Blackie, der vergeblich versucht
 hatte, den vier Monate alten Säugling Ian vor dem Feuertod zu bewahren. Beide kamen in den
 Flammen um.

 Zwar hatte niemand den tapferen Rettungsversuch des Hundes direkt beobachtet, aber dieser hatte
 eindeutige Spuren hinterlassen: leichte Abdrücke seiner Zähne an den Schultern des Babys, die
 vom Versuch, es vom Feuer wegzuziehen, zeugten.

 Dieses war in der Küche ausgebrochen. Während die Mutter zu ihren beiden anderen Kindern eilte,
 rannte Blackie in Ians Schlafzimmer. Die Mutter hörte einen Bums: wahrscheinlich der Aufprall
 des Kindes am Boden, nachdem der Hund es aus seinem Bett gezogen hatte.

 Der tote Ian wurde nur wenige Zentimeter von Blackies ausgestreckten Pfoten entfernt gefunden.

 Der Hund war der Familie ein Jahr zuvor zugelaufen und seit Ians Geburt meist an dessen Bett
 gesessen.

 Zahllose weitere Beispiele für selbstloses Verhalten bei Tieren finden sich bei John Robbins
 (5) und Joan Dunayer (6).

 2. Wir nehmen die Dienste und Hilfe der Tiere gerne und ausgiebig in Anspruch

 Daß wir von den Diensten, die uns Tiere erweisen und erweisen können, gerne und ausgiebig
 Gebrauch machen, ist nicht zu übersehen. Denken wir nur etwa an den vielfältigen Einsatz von
 Hunden: Sie fahnden nach Drogen, sie suchen nach Verschütteten, sie führen Blinde usw. Überall
 und immerzu machen wir uns Tiere zunutze. Dabei soll hier gar nicht von jenen Bereichen die
 Rede sein, in denen von vornherein augenscheinlich ist, daß wir die Tiere nicht nur nutzen,
 sondern schlicht ausnutzen, etwa bei der Erzeugung von Fleisch oder bei der Durchführung von
 Experimenten mit ihnen. Vielmehr wollen wir unsere Neigung, Tiere für uns dienstbar zu machen,
 an einer im Vergleich zu anderen Nutzungen äußerst harmlosen Praxis demonstrieren, den
 sogenannten "Tiertherapien".

 Die therapeutische Wirkung von Tieren wird gezielt eingesetzt, etwa in Krankenhäusern,
 Erziehungsheimen und Gefängnissen. Worum es dabei grundsätzlich geht, erläutert das
 Informationspapier "'Heilkraft' der besonderen Art" (7) des österreichischen Instituts für
 interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung: "Für die Menschen der Antike war es
 selbstverständlich, was neueste Forschungen nun empirisch beweisen: daß Menschen, die mit einem
 ... Heimtier zusammenleben, ausgeglichener sind, freundlicher und 'stabiler'. Daß sie
 Krankheiten leichter bewältigen und Krisen besser meistern." Ein konkretes Beispiel (8) soll
 Wesen und Wirkung der Tiertherapie veranschaulichen:

 "Sie heißt Anna; ist Patienten im Psychiatrischen Krankenhaus auf der Baumgartner Höhe in Wien;
 geistig schwer behindert. Sie wird nie ohne stationäre Behandlung auskommen können. Der
 Initiative moderner Psychiater verdankt sie es, einmal wöchentlich ‚Tierbesuch' zu bekommen.
 Eine junge Wiener Tierpädagogin hat das organisiert: Sie kommt mit Hund und Hasen, Hamster und
 Huhn. Läßt sie von den Patienten streicheln, füttern, zeichnen. Sieht ein Lächeln auf sonst
 leeren Gesichtern.

 Nur Anna reagiert nicht; monatelang nicht. Oder höchstens mit einem bösen Achselzucken. Ein
 letzter Versuch: Man zeigt ihr einen jungen Zwerghamster und ihm gelingt das kleine, große
 Wunder: ‚Liab', sagt die Anna. Diese Anna, die von sich aus keine Silbe artikuliert, die
 bestenfalls einzelne Worte nachsprechen kann. Dem Mini-Hamster ist gelungen, was geduldige
 Therapeuten bislang nicht schaffen konnten: die ‚Mauer' zu durchbrechen, die diese Kranke
 umgibt."

 Der Einsatzbereich von "Tiertherapien" oder "tiergestützten Therapien", wie diese systematische
 Nutzbarmachung der heilenden Wirkung von Tieren auch genannt wird, ist groß - entsprechend der
 Grundthese dieser vergleichsweise neuen Disziplin: "Wesen mit Flossen, Fell oder Flügeln können
 helfen, Krankheiten und Behinderungen von Menschen zu heilen oder zu lindern." (9) Sehen wir
 uns stellvertretend für das breite Anwendungsspektrum von Tiertherapien drei Bereiche an:

 Zunächst ein Beispiel für die Behandlung von Behinderten mittels Delfinen: "Die 20 Monate alte
 Lea-Paulina ist mit einem Hirnschaden geboren worden und meist ganz in ihrer Innenwelt
 befangen. Was andere Außenreize kaum vermögen, gelingt Nickkis Delfinschnauze: Sie weckt für
 Sekunden die gesammelte Aufmerksamkeit des Mädchens." (10) (Wir verwenden Delfine, um Minen
 aufzuspüren. (11))

 Auch Hühner helfen Menschen, im Leben wieder zurechtzukommen: "Ein Huhn kann Halt geben und das
 Herz wärmen, wenn das Vertrauen in Menschen zerrüttet ist. Vernachlässigte, misshandelte und
 missbrauchte Jugendliche ... treffen im amerikanischen Farm-Internat ‚Green Chimneys' auf Seel-
 Sorger mit Federn ...." (12) (Wir sperren Hühner lebenslang in Drahtkäfige, deren Grundfläche
 pro Tier deutlich kleiner ist als eine Druckseite des "Spiegel". (13))

 Besonders vielfältig ist der Einsatzbereich von Hunden (denen wir zu Versuchszwecken
 Sprengstoff verfüttern bis sie daran elend zugrundegehen (14)). Über die Ausbildung zum
 Blindenhund erfahren wir:

 "Bis zu einem Jahr werden geeignete Hunde von Spezialausbildern trainiert, Menschen zur
 nächstgelegenen freien Parkbank oder ans Treppengeländer zu führen. Die Hunde lernen, mit der
 Schnauze anzuzeigen, wo der Griff einer Haus- oder S-Bahn-Tür ist. Sie üben, Hindernisse in
 Menschenkopfhöhe zu umgehen, tief hängende Zweige oder aufgespannte Regenschirme. Sie
 trainieren, sich von anderen Hunden nicht ablenken zu lassen, solange sie das Geschirr tragen.
 Und sie werden geschult, bei Gefahr für ‚ihren' Menschen den Gehorsam zu verweigern, wenn zum
 Beispiel unversehens ein Auto um die Ecke biegt." (15)

 Mindestens vier Wochen lang wird dann der Hund gemeinsam mit dem ihm anvertrauten Menschen vom
 Hundeausbilder betreut. Am Anfang steht ein erster kurzer Besuch zum Kennenlernen, dann folgt
 die erste Übernachtung beim neuen Herrchen. Spaziergänge beginnen in ruhigen Gegenden, dann
 kommen Ampeln hinzu und Treppen. Am Ende stehen die Eingewöhnung ins neue Wohnviertel sowie die
 emotionale Abnabelung vom Ausbilder.

 Wurden früher Schäferhunde als "Prothesen" für Kriegsblinde ausgebildet, sind heute die als
 besonders sanft und gutmütig geltenden Labrador Retriever und Golden Retriever als Helfer
 besonders beliebt - und haben einen erweiterten Einsatzbereich: - "Behinderten-Begleithunde"
 tragen für Körperbehinderte Packtaschen, ziehen Rollstühle, holen Wäsche aus der Maschine,
 bedienen Schalter usw. - "Hörhunde" alarmieren Taube, wenn der Wecker klingelt oder jemand an
 die Tür klopft. - "Epilepsie-Hunde" spüren, wann bei ihrem Besitzer ein Anfall bevorsteht und
 warnen ihn rechtzeitig davor. Wie sie dies erkennen können, ist noch ungeklärt, aber es
 funktioniert. (16)

 3. Wir beuten die Tiere hemmungslos aus und foltern sie rücksichtslos zu Tode

 3.1 Krieg

 Das Titelbild des GEO-Heftes, dem vorangehende Ausführungen entnommen sind, zeigt ein liegendes
 Kind mit geschlossenen Augen, das ein kleines, friedlich schlafendes Schweinchen an seinen Hals
 drückt. Ein Bild perfekter Harmonie und Geborgenheit, das die Titelgeschichte "Tiere als
 Therapeuten - Wie sie Menschen heilen helfen" veranschaulicht.

 Einer Ankündigung zur Sendung "ZDF-Reporter" am 5. 12. 2001 (17) ist folgende Information zu
 entnehmen: "Bis vor wenigen Jahren waren ganz kleine Ferkel eine Delikatesse für Gourmets.
 Milchferkel werden diese Tiere genannt, die direkt von der Mutter weggenommen werden und
 geschlachtet werden. Die Ernährung eines Milchferkels darf nur - daher der Name - Muttermilch
 sein - darauf legt der Feinschmecker Wert .... ( ... ) Die sog. ‚Babyferkel' wiegen 6, 8 oder
 12 Kilo, sind 3 bis 6 Wochen alt. Ihre Lebensdauer richtet sich nicht selten nach der Größe der
 Party, auf der sie ... serviert werden. ( ... ) Oft sind nur zwei oder drei Kilo Fleisch an den
 Tieren, wenn sie gegrillt zur Partylaune beitragen."

 Unter der Überschrift "Quiekender Detektor" (18) erfahren wir Wissenswertes über tierliche
 Minensucher, sogenannte "Biodetektoren". Bewährt habe sich vor allem eine Kombination von Tier
 und Technik: "Feine Hundenasen spüren den Sprengstoff einer Mine auf, Detektoren das Metall."
 So wertvolle Arbeit diese und andere Tiere auch leisten mögen (Ratten erwiesen sich ebenso als
 effiziente "Biosensoren"), für sie selbst sind diese Einsätze meist eher kontraproduktiv: "Die
 Geschichte von Tieren als Minensucher ist lang, deren Karrieren in den meisten Fällen kurz."

 Minensuche ist nur ein winziger Ausschnitt aus dem "Aufagabenbereich", den wir Menschen den
 Tieren im Zusammenhang mit kriegerischem Geschehen zugedacht haben. Und Hunde nehmen hier zwar
 eine "bevorzugte" Stellung ein (bereits die alten Griechen und die Assyrer führten Hunde in
 ihre Schlachten mit), sind aber bei weitem nicht die einzigen Tiere, die im Krieg mißbraucht
 wurden und werden. So setzten etwa die Deutschen im ersten Weltkrieg 300.000 Pferde zum
 Transportieren von Ausrüstung und Munition ein. Unter anderem mußten die Tiere sechsspännig bis
 zu 160 Zentner schwere Geschütze durch halb Europa karren. (19)

 Die DDR setzte Hunde an der innerdeutschen Grenze ein, um Republikflüchtlinge zu "vernichten"
 (Militärhistoriker Georg Meyer). Das brachte unbezweifelbare Vorteile mit sich: Der Hund ist
 blind für die Motive seiner Opfer und beißt auch nicht aus Versehen daneben. Natürlich waren
 diese tierlichen "Grenzschützer" nach ihrem Einsatz im sogenannten "Todesstreifen" nicht mehr
 resozialisierbar. (20) Welches Schicksal ihnen bevorstand, kann man sich unschwer ausmalen.

 Auch Delfine kamen zum Einsatz. So wurden etwa im Vietnamkrieg Große Tümmler (Typ "Flipper")
 zum Schutz von US-Kriegsschiffen mit Messern ausgerüstet, um feindlichen Tauchern die
 Sauerstoffschläuche zu durchschneiden. In Sewastopol, dem Haupthafen ihrer Schwarzmeerflotte,
 brachten die Sowjets Belugawalen, Seelöwen und Tümmlern bei, verlorengegangene Torpedos zu
 suchen und Minen aufzuspüren. (21)

 Das Verratsmoment kommt im Krieg auf besonders scheußliche Weise zum Vorschein, da Tiere nicht
 nur als "Kampfgefährten" eingesetzt, sondern auch als Testobjekte mißbraucht werden. Damit sind
 wir bei der sogenannten "wehrmedizinischen Forschung", einem Tarnnamen für Tierversuche im
 Dienste des Krieges.

 So wurden etwa mehreren Berichten zufolge von der Bundeswehr Hunde systematisch vergiftet und
 mit 5,56-mm-Kalibern beschossen. (22) Über ein aktuelles Beispiel für diese unglaublichen
 Verbrechen an Tieren berichtet die israelische Zeitung Ha´aretz am 17. 3. 2000: Ein Wohnwagen,
 in dem lebende Schweine festgebunden sind, wird mit Scud Raketen ähnlichen Sprengstoffen in die
 Luft gejagt. Ein Augenzeuge berichtet:

 "Als wir den Wohnwagen öffneten, mussten wir uns abwenden. Die Schweine lagen da, schreiend und
 quiekend. Es war offensichtlich, dass die Detonation sie innerlich zerfetzt hatte und dass das
 Glas der zerborstenen Fenster ihnen von außen zahlreiche Schnittwunden zugefügt hatte. Die
 Wände waren voll mit dem Blut, Urin und Kot der gefesselten Schweine. Sie sahen uns mit weiten,
 flehenden Augen voller Grauen an." (23)

 3.2 Schlachthof

 Tiere werden aber nicht nur in der Ausnahmesituation Krieg rücksichtslos ausgebeutet und
 3.2 Schlachthof

 Tiere werden aber nicht nur in der Ausnahmesituation Krieg rücksichtslos ausgebeutet und
 zutodegeschunden, sondern auch unter "ganz normalen" Bedingungen. Dies ist doppelt tragisch,
 weil es einerseits die Zahl der betroffenen Tiere in unendliche Höhen treibt und weil
 andererseits diese alltäglichen Praktiken den "Ausnahme"-Massakern an Schrecken in nichts
 nachstehen.

 Christiane M. Haupt berichtet von ihrem Pflichtpraktikum, das sie als angehende Tierärztin im
 Schlachthof zu absolvieren hatte. (24) Zunächst über ihre Erlebnisse mit Schweinen: "Von hinten
 stupst mich etwas in die Kniekehle, ich fahre herum und blicke in zwei wache blaue Augen. ( ...
 ) Ich werde diese Augen sehr bald noch anders kennenlernen: Stumm schreiend vor Angst, von
 Schmerzen stumpf, und dann blicklos, gebrochen, aus den Höhlen gerissen, über den
 blutverschmierten Boden kollernd. ( ... )

 Als ich zum ersten Mal bewußt erfasse ... dass ausgeblutete, abgeflammte und zersägte Schweine
 noch zucken und mit dem Schwänzchen wackeln, bin ich nicht in der Lage, mich zu bewegen. ‚Sie -
 sie zucken noch ...', sage ich ... zu einem vorübergehenden Veterinär. Der grinst: ‚Verflixt,
 da hat einer 'nen Fehler gemacht - das ist noch nicht richtig tot!' ( ... )

 Von dem Schwein möchte ich erzählen, das nicht mehr laufen konnte, mit gegrätschten
 Hinterbeinen dasaß. Das sie solange traten und schlugen, bis sie es in die Tötungsbox
 hineingeprügelt hatten. Das ich mir hinterher ansah, als es zerteilt an mir vorüberpendelte:
 beidseitiger Muskelabriss an den Unterschenkeln. Schlachtnummer 530 an jenem Tag, nie vergesse
 ich diese Zahl. Ich möchte von den Rinderschlachttagen erzählen, von den sanften braunen Augen,
 die so voller Panik sind. Von den Fluchtversuchen, von all den Schlägen und Flüchen, bis das
 unselige Tier endlich im eisernen Pferch zum Bolzenschuss bereit steht, mit Panoramablick auf
 die Halle, wo die Artgenossen gehäutet und zerstückelt werden ...."

 Daß Christiane M. Haupt keineswegs einen besonders schlechten Schlachthof zu einer besonders
 ungünstigen Zeit erwischt hatte, bewies im Jahre 2001 auf schauerliche Weise ein 12-minütiges
 Videoband über den ganz normalen Schlachthofalltag. Es entstand nicht mittels "versteckter
 Kamera", sondern bei einem offiziell genehmigten Drehtermin in einem EU-zertifizierten
 Schlachthof in der oberösterreichisch-bayrischen Grenzregion. (25) Eine Schlüsselszene:

 "Ein mächtiger Stier, mittels Eisenkette am Hinterbein hochgezogen, hängt kopfüber am Fließband
 - durch den Bolzenschuss scheinbar betäubt. Der Schlächter schneidet ihm mit einem großen
 Messer den Hals auf, ein Blutschwall bricht hervor. ( ... ) Plötzlich geschieht etwas, was den
 Betrachter erschaudern läßt: Während der Schlächter, geschäftig vor sich hin pfeifend, die
 Brust aufschlitzt, öffnen und schließen sich langsam die Augen des Tieres. Und dann beginnt der
 Stier zu brüllen - auf dem Video deutlich hörbar: ein schauderhaftes, heiser-gurgelndes Muhen
 übertönt den Lärm des Schlachtvorgangs. Schließlich bäumt sich das blutüberströmte Tier am
 Haken sogar noch einige Male auf. Der Schlächter, der gerade die Vorderhufe abschneidet, muss
 in Deckung gehen. Der Todeskampf dauert lange Minuten." (26)

 Diese schauerliche Szene gehört, wie gesagt, zum Schlachthofalltag (wobei es sich beim
 betreffenden Schlachthof angeblich sogar um einen "Vorzeigebetrieb" handelt, weshalb angenommen
 werden muß, daß es anderswo noch brutaler zugeht (27)): Von 30 Tieren, die hier innerhalb einer
 Stunde mittels Bolzenschuß betäubt wurden, erwachten 6 wieder. (28)

 Eine Überarbeitung des Videos (das von mehreren deutschen TV-Magazinen gezeigt wurde (29)), bei
 der bisher nicht gezeigte Sequenzen hinzugefügt wurden, förderte weitere schaurige Details
 zutage: "In der neuen Fassung ist zu sehen, dass der Stier nicht nur brüllt, während er sich im
 Todeskampf minutenlang windet. Als der Schlächter sich und den Schlachtraum mit einem
 Wasserschlauch vom vielen Blut reinigt, versucht sich das geschundene Tier mit letzter Kraft
 und herausgestreckter Zunge zum Wasserstrahl hinüberzubeugen. Die Aufnahman dokumentieren
 eindeutig: Diese Tiere sind bei vollem Bewusstsein. Sie nehmen ihre Umwelt noch wahr, während
 sie am Förderband aufgeschnitten und zu Fleisch verarbeitet werden." (30)

 Aktueller Anlaß - neben dem Dauerskandal mangelnde Kontrolle und Betäuben im Akkord (!) - für
 die unzureichende Bolzenschußbetäubung sind BSE-bedingte Veränderungen in den Schlachtmethoden:
 Seit Jahresbeginn 2001 ist in der EU der Einsatz des sogenannten "Rückenmarkzerstörers"
 verboten, weil damit potentiell infiziertes Nervengewebe über den ganzen Tierkörper verteilt
 werden könnte. Dieser Stab wurde durch das Einschußloch ins Rückenmark eingeführt, wodurch der
 Hirntod irreversibel wurde und das Tier garantiert keinen Schmerz mehr spürte.

 Mit dem Verzicht auf den Rückenmarkzerstörer seien, so Ingrid Schütt-Abraham vom deutschen
 Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin, "unzureichende
 Ergebnisse programmiert" gewesen. Andererseits habe dieser Verzicht, wie Veterinär Karl Wenzel
 vom Münchner Verbraucherministerium feststellt, ans Licht gebracht, daß Fehlbetäubungen
 vorkommen bzw. bei manchen Tieren die bisherige Bolzenschußbetäubung schlicht nicht ausreicht.
 Dazu Klaus Troeger von der deutschen Bundesanstalt für Fleischforschung in Kulmbach: Vor dem
 EU-Erlaß vom Jänner 2001, also vor dem Verbot des Rückenmarkzerstörers, wurden "Probleme durch
 nicht korrekt platzierte Bolzenschüsse verdeckt". (31)

 3.3 Verrat

 Was Verratenwerden bedeutet, haben einige von uns schon an eigener Seele schmerzlich erfahren
 müssen. Mitunter dauert es Jahre, bis man sich vom lähmenden Entsetzen über unfaßbare Untreue
 wieder erholt. Nicht selten hält der Schock ein Leben lang an.

 Doch welch Kleinigkeiten sind dies im Vergleich zum Verrat an Tieren! Auch zu ihnen, die jetzt
 im Schlachthof sind, waren Menschen vielleicht einmal gut. Biobauern etwa werden ja nicht müde
 zu beteuern, welch gutes Verhältnis sie zu ihren Tieren haben. Die Bilder von Bauern, die ihre
 Tiere "liebevoll" streicheln, kennen wir auch alle. Und dann finden sich diese Tiere auf einmal
 in der Hölle wieder, umgeben von Menschen, die ihnen die ungeheuerlichsten und grauenhaftesten
 Dinge antun.

 Die Tierarztpraktikantin Christane M. Haupt, hat den Verrat an Tieren stellvertretend für die
 Fleischesser durchlebt - und ist daran zerbrochen: "Ich habe Zeugnis abgelegt, und jetzt will
 ich versuchen zu vergessen, um weiterleben zu können. Kämpfen mögen nun andere; mir haben sie
 in jenem Haus die Kraft dazu genommen ... und sie gegen Schuld und lähmende Traurigkeit
 ausgetauscht." (32)

 Daß die bisher beschriebenen Greuel lediglich die Spitze des Eisbergs der weltweit täglich in
 Schlachthäusern "zivilisierter" Länder verübten Verbrechen darstellen, zeigt Gail A. Eisnitz´
 Buch "Slaughterhouse", für das die Autorin Schlachthausarbeiter mit einer Erfahrung von
 insgesamt zwei Millionen Stunden an der Betäubungsbox befragt hat. Die folgenden Auszüge aus
 Interviews mit Schlachthausarbeitern wurden auf einer Buchpräsentation der Autorin am 18.
 September 1999 der Öffentlichkeit vorgestellt: (33)

 "Ich habe lebendiges Rindfleisch gesehen. Ich habe sie muhen gehört, wenn die Leute das Messer
 anlegen und versuchen, die Haut abzunehmen. Ich denke, dass es grausam für das Tier ist, so
 langsam zu sterben, während jeder seine verschiedenen jobs an ihm macht."

 "Die Mehrzahl von Kühen, die sie aufhängen ..., ist noch am Leben. Sie öffnen sie. Sie häuten
 sie. Sie sind immer noch am Leben. Ihre Füße sind abgeschnitten. Sie haben ihre Augen weit
 aufgerissen und sie weinen. Sie schreien, und du kannst sehen, wie ihnen die Augen fast
 rausspringen."

 "Ein Arbeiter hat mir erzählt, wie eine Kuh, die mit ihrem Bein in dem Boden eines Lasters
 steckengeblieben ist, zusammengebrochen ist. ‚Wie hast du sie lebendig rausgekriegt?' habe ich
 den Typ gefragt: ‚Oh', sagte er, ‚wir sind einfach unter den Laster gegangen und haben ihr Bein
 abgeschnitten.' Wenn jemand dir das sagt, weißt du, es gibt viele Dinge, die dir niemand sagt."

 "Ein anderes Mal war ein lebendes Schwein, das hatte nichts Verkehrtes gemacht, rannte noch
 nicht mal rum. Ich nahm ein 1 Meter langes Stück Rohr und ich schlug das Schwein praktisch zu
 Tode."

 "Wenn du ein Schwein hast, das sich weigert, sich zu bewegen, nimmst du einen Fleischhaken und
 hakst ihn in seinen Anus. ( ... ) Dann ziehst du ihn zurück. Du ziehst diese Schweine während
 sie leben und oft reißt der Haken aus dem Arschloch."

 "Einmal nahm ich mein Messer - es ist scharf genug - und ich schnitt das Ende von einem Schwein
 seiner Nase ab, so wie ein Stück Frühstücksfleisch. Das Schwein ist für ein paar Sekunden
 verrückt geworden. Dann saß es einfach da und sah einfach dumm aus. Also nahm ich eine Handvoll
 Salzlake und rieb es ihm in die Nase. Jetzt ist das Schwein wirklich ausgeflippt und schob
 seine Nase überall in der Gegend rum. Ich hatte immer noch etwas Salz übrig auf meiner Hand und
 steckte das Salz direkt rein in den Arsch des Schweins. Das arme Schwein wusste jetzt nicht
 mehr, ob es scheißen oder blind werden sollte."

 "Nach einer Zeit wirst du abgestumpft. ( ... ) Wenn du ein lebendiges Schwein hast ..., tötest
 du es nicht einfach. Du willst, dass es Schmerzen hat. Du gehst hart ran, zerstörst ihm die
 Luftröhre, machst, dass es in seinem eigenen Blut ertrinkt. ( ... ) Ein lebendes Schwein guckte
 an mir hoch und ich nahm einfach mein Messer und - eerk - nahm ihm das Aug raus, während es
 einfach da saß. Und dieses Schwein schrie einfach nur."

 Anmerkungen:

 (1) Zitiert nach: Godofredo Stutzin: Auf des Condors Flügeln. Santiago, Chile, 2000?, ISBN 956-
 7033-10-2, S. 99. (2) Die Gans im Glück kennt den Kalender nicht, Salzburger Nachrichten, 6.
 11. 1998, S. 8. (3) Ein Delfin rettete 14-jährigen Italiener, Salzburger Nachrichten, 30. 8.
 2000, S. 8. (4) Speciesism and Equality, Philosophy, 53, 1978, S. 562. (5) Diet for a New
 America. Walpole: Stillpoint Publishing, 1987, S. 20 ff.) (6) The Nature of Altruism,
 Animals´Agenda, April 1990, S. 27 ff. (7) Wien, 1989, S. 2. (8) Ebenda, S. 1. (9) Tiere als
 Therapeuten, GEO, 3, 2001, S. 96. (10) Ebenda, S. 98. (11) Leo, Luchs und andere Rekruten,
 ZIVIL (Zeitschrift für Frieden und Gewaltfreiheit), 3, 2000, S. 21. (12) Tiere als Therapeuten,
 GEO, 3, 2001, Seite nicht eruierbar. (Mir liegt der Artikel nur in einer kopierten Fassung vor,
 H. F. K.) (13) Möbel im Drahtverhau, Der Spiegel, 32, 2000, S. 200. (14) Peter Singer: Animal
 Liberation - Die Befreiung der Tiere. Reinbek: Rowohlt, 1996, S. 69. (15) Tiere als
 Therapeuten, GEO, 3, 2001, Seite nicht eruierbar. (Mir liegt der Artikel nur in einer kopierten
 Fassung vor, H. F. K.) (16) Ebenda. (17) E-Mail-Information der "TR-Nachrichten-Austria", die
 sich ihrerseits auf eine Ankündigung des "Vereins gegen Tierfabriken" vom 4. 12. 2001 bezieht.
 (Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originaltextes wurden korrigiert und vereinheitlicht,
 H. F. K.) (18) Die Zeit, 36, 2001, S. 25. (19) Leo, Luchs und andere Rekruten, ZIVIL
 (Zeitschrift für Frieden und Gewaltfreiheit), 3, 2000, S. 20. (20) Ebenda. (21) Ebenda, S. 21.
 (22) Ebenda. (23) Aus einer Information der "Menschen für Tierrechte - Tierversuchsgegner
 Baden-Württemberg e. V." vom 19. 9. 2000. (24) Christiane M. Haupt: "Um eines kleinen Bissens
 Fleisches willen ...". Gekürzter Erlebnisbericht. Ungekürzt erschienen in: Vegi-Info, 1998, 2,
 S. I ff., der Schweizerischen Vereinigung für Vegetarismus. Als Sonderdruck erhältlich im Vegi-
 Büro, CH-9466 Sennwald. Für Bildmaterial siehe im Internet: www.vegetarismus.ch (25) Todeskampf
 am Fließband, News, 19, 2001, S. 68. (26) Ebenda. (27) Weltweite Schlachthäuser-Kampagne, E-
 Mail von Dr. [Friedrich] Landa, Präsident des Dachverbandes der Oberösterreichischen
 Tierschutzorganisationen, vom 29. 5. 2001. (28) "Der Verlierer ist die Kreatur", Der Spiegel,
 42, 2001, 290. (29) Ebenda. (30) Schlacht-Video mit neuen Details, E-Mail von Dr. Friedrich
 Landa, Präsident des Dachverbandes der Oberösterreichischen Tierschutzorganisationen, vom 25.
 6. 2001. (31) "Der Verlierer ist die Kreatur", Der Spiegel, 42, 2001, S. 290, 292. (32)
 Christiane M. Haupt: "Um eines kleinen Bissens Fleisches willen ...". Vergleiche Anmerkung 24.
 (33) SCHLACHTEN: Und sie leben immer noch ..., E-Mail von Dr. Friedrich Landa, Präsident des
 Dachverbandes der Oberösterreichischen Tierschutzorganisationen, vom 6. 8. 2001.
 (Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originaltextes wurden korrigiert und vereinheitlicht,
 H. F. K.)

 © Helmut F. Kaplan


Letzte Änderung: 13.2.2002 22:36:45 - Autor: Brigitte Rondholz - Letzter Autor: Brigitte Rondholz
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