Kinderbuecher Muessen Anders Werden


Bernd Gerken und Brigitte Rondholz

Wie halten es unsere Kinderbücher und Kinderlieder mit dem Süßen?

"Die Kinder waren alle hungrig. Die Bratkartoffeln

und ein Pflaumenkuchen verschwanden im Nu"
E. BLYTON (1975)

Die meisten von uns sind mit ihnen aufgewachsen, den Abenteuerbüchern und Geschichten von fünf Freunden, kleinen Hexen, Wassermännern, Urmeln und Hänseln wie Greteln. Wir waren Teilhaber an den Gedanken und Welten ihrer Autoren. Und als tief empfindende Kinder wirkten die Worte, gesprochen von Müttern und Vätern, Großmüttern und -vätern, Tanten und Onkel tief auf uns ein. Wir hörten die jagdglorifizierenden Kinderlieder wie "Trara, es tönt wie Jagdgesang!" mit ihren schönen und einprägsamen Melodien oder die heutigen Kinder hören die "Gummibärchen und Spaghettilieder" moderner Autoren. Einige Texte alternativer Urkostkinderlieder können bei uns abgefragt werden, ein Beispiel am Ende dieses Beitrages.

Die Kinderbücher prägten in Vielem unsere Denk- und Lebensweise bis ins hohe Alter. Und es sind so tiefe, früh gelegte Engramme entstanden, dass es uns oft gar nicht mehr bewußt wird, welche Welten in uns wirksam sind. Dass es an sich "vergangene "Welten sind, die da wirken, ist nur e i n e Eigenschaft von mehreren, auf die dieser Artikel hinweisen möchte. Da ist etwas - vielleicht sogar spezifisch - menschliches. Diese Art von Geschichte erzählen ist von allen Völkern unserer Erde bekannt, denn Erzählen bildet soziale Zusammenhänge, bildet und vor allem erhält über Zeiten Gruppeneigenschaften stabil.

Geschichten geben "von Natur aus" menschlichen Gruppen einen gemeinschaftlichen Halt, wie es z.B. auch traditionelle Kleidung tut. Und die Inhalte von Geschichten sind zu einem uns vermutlich noch einige Zeit unbekannt bleibenden Teil viel älter als - bewusstes - Menschendenken.

Dies steckt unter vielem anderen dahinter, wenn beispielsweise ein Freund mir beim Auspacken eines Stückchens Kuchen vorschwärmt wie der schmeckt, und dass der - "obwohl Back - Kochkost" -, eben bereits allein der mitgebackenen Mutterliebe wegen sehr gut sei! Und er hat Recht - aber auch wieder nicht. Allein an diesem einen alltäglichen Beispiel kann uns bewusst werden, wie komplex all das ist, was unser Denken und Handeln bestimmt. Wie schwer ist es, von sentimental besetzten, tief verinnerlichten Glaubenswahrheiten abzugehen! In ENID BLYTONS "Insel der Abenteuer" tritt vergleichbar die Tante Polly auf, mit ihrer wunderbaren Marmelade heimelige Tantenliebe, süß präsent. Und die Frage, die sich uns allen, die wir neue Wege in der Ernährung und im Leben überhaupt gehen immer wieder stellt ist: Wie find ich neue?

Denke ich an meine Kindheit zurück, so fallen mir immer mehr Stories ein, in denen ich selbst mitlebte, eher dahingetragen, denn selbst bewirkend. Ich sehe beispielsweise den BERND wie er mit einem klebrigen Karamellbonbon in den Schneidezähnen an der Hand seiner Mutter zum Zahnarzt geht. Gewiss, er wurde wieder "sehr tapfer" die Behandlung mitmachen. Ich höre, wie der hochgewachsene Mann mit akademischem Habitus schlau anmerkt, eben diese klebrigen Sachen seien für Bernds Zähne nicht gut, und der Junge solle sehr regelmäßig seine Zähne putzen. Und als wieder einmal mal eines der Löcher gestopft war - da ging es anschließend voll Freude ins heute dort nicht mehr existierende Zoocafé Wipra, um bei wunderbar süßen Streuselkuchen und Torten den Karpfen in ihren großen Aquarien und vom Ast herabkreischenden Aras zuzusehen ... . Zur Sahne auf dem Kuchen und im süß - heißen Kakao tauchten mir gelegentlich Bilder auf vom Schlaraffenland, wie es in einem meiner Märchenbücher dargestellt war. BREUGHELsche dicke Männer arbeiteten sich dort durch Berge von Teig, um in eine andere Welt zu blicken, und so mancher lag mit ebenfalls mächtigem Leib am Boden, um sich gebratene Täubchen in den Rachen fliegen zu lassen! Was mich mit unangenehmen Gefühlen erfüllte, denn wie sollte, bitte schön, eine gebratene Taube noch fliegen können?

Begegneten nicht auch Hänsel und Gretel im Wald einer Hexe, deren Haus aus Lebkuchen gebaut war? Übrigens enttäuschten mich die manchmal zu Weihnachten geschenkten Hexenhäuser regelmäßig - sie waren zwar aus Lebkuchen, aber ihnen fehlte des Hexische, was in meinem Gefühl märchenhaft und Grusel erregend verankert war. Auch waren die Lebkuchen, die man dafür verwendete, meist so hart und so süß, dass sie selbst mir süß- gepflegtem Kind nicht gefielen!

"... und zum Abschluss bekamen sie den herrlichsten Käsekuchen mit Erdbeergelee und Schlagsahne. "Das ist das Beste was es gibt", sagt Michel" (LINDGREN 1996). Bei uns gab es oft Obst, sehr viele Erdbeeren und Pfirsiche, das waren wunderbare Zeiten! Aber bei uns kamen in den 50er/60er Jahren Erdbeeren nur mit einer dicken Kristallzuckerkruste auf den Tisch. So musste es sein. Auch als ich dies später bei Johannes, meinem ersten Sohn, mir verbat, bestand doch meine Mutter stets darauf, dass Kinder Süßes zu ihrer gesunden Entwicklung benötigen.

Versucht man das alles nüchtern zu betrachten, möglichst ohne Bitterkeit darüber, dass derlei Kindheitszeiten einen leider aufs ganze Leben an Zahnarztpraxen und entsprechende Krankenkassen binden, so erkennt man die süße Vereinnahmung, die es nun ganz einfach aufzulösen gilt!

Vereinnahmung geschieht auch durch Belohnung, wenn offenbar sinnvollere Pädagogik fehlt: Das bemerkenswerte Kinderbuch "Nein ich will noch nicht ins Bett" von ASTRID LINDGREN (1989), einer der bedeutendsten Geschichtenerzählerinnen unserer Denkungsart, zeigt den Kindern wie das geht. Da hören wir vom Eichhörnchen, das abends als erstes im Bett ist, während der gestrenge Papa Zeitung liest und Mama das regelt: "Und da verspricht Frau Eichhorn dem Kind, das zuerst im Bett ist, einen Bonbon ... Kurre zieht das Rollo runter und klettert in das oberste Bett. Er ist traurig, denn er hätte auch gern mal einen Bonbon. "Jedenfalls ist es schädlich Bonbons zu essen, wenn man sich schon die Zähne geputzt hat", sagt er zu Kicki. "Na wenn schon" sagt Kicki. ...".

Dieses eingängig geschriebene Buch mit der eingangs postierten gemütlichen, alten Tante von oben drüber, verknüpft noch andere Inhalte, die stark bewegend und beeinflussend auf Kinder wirken. Nicht nur, dass diese Tante zu aller Gemütlichkeit noch über eine magische Brille verfügt, mit der sie überall hinsehen kann. Dies ist atemberaubend für ein Kind, das ob einer solchen Befähigung sich natürlich sofort auch als stets beobachteter Mensch erkennt. Ist es zu weit hergeholt, hier an die Überwachungskameras unserer vertrauten Kaufhauswelt erinnert zu werden? Mit dem Unterschied, dass diese sehr speziellen Kontroll - Brillen tatsächlich wirksam sind? Ich glaube nicht.

Folgerichtig lesen wir dann, dass der zuschauende kleine Lasse in LINDGRENs Geschichte sogar ein bisschen errötet, weil er sieht, wie "man" sich andern Orts so brav verhält. "Man" kann auch der Auffassung sein, hier werde pädagogisch geschickt einem Kind der Wert braven Verhaltens nahegelegt. Denn eine Seite zuvor las man seinen lauschenden und blickenden Kindern ja noch den Text zum eindrucksvollen Bild vor, auf dem eben dieses errötende Kind gezeigt wird. Dort bringt es seine Mama durch vorschlafenszeitlichen Feetz und Wirbel fast zum Ausrasten - und zum Glück (?) kann die überforderte Mama an die Tante von oben drüber abgeben! Hier wird gleich eine ganze Serie belastender Verhaltensmuster dem in dieser Geschichte mitlebenden Kind eingeschrieben. Dass diese natürlich wirken werden, sich auch übertragen, den im wahrsten Sinn des Wortes mitgehenden Kindern Verhaltensanker setzen, können die Vorlesenden vielleicht bald selbst erfahren. Dafür sorgt "natürlich" unsere urmenschliche Geschichtenerzählmentalität: Geschichten werden ja wieder und wieder erzählt. Die Kinder erwarten und wissen nach kurzer Zeit der Bekanntschaft mit dem Buch, was als Nächstes kommen wird, sie leben darin. Hier wird gelernt, spielend und hochwirksam, und Lernende sind alle Beteiligten, die Kinder und ihre Eltern. Dies muss uns bei der Buchauswahl immer wieder bewusst sein.

Nach allem ist klar, warum es Kinder dann auch nicht anders versuchen, sich Zuneigung zu erkämpfen, als es ihren Eltern mit süßen Lockmittel gleichzutun. Hat man derlei doch als bewährte Muster unserer Erwachsenenwelt, der Welt der Erziehungsberechtigten, verinnerlicht. Als kleines Kind ist man so offen, dass man sich auf das, was da geboten wird, schlicht einhundertprozentig verlässt.

Welche Konsequenzen können wir nun ziehen?

Für uns Gerkens und Rondhölzer bedeutet diese Erkenntnis, dass wir noch viel sorgsamer mit dem umgehen, was wir zu Hause gemeinsam lesen. Die Suche nach rundum gelungenen Kinderbüchern wird dadurch nicht leichter. Hören Sie da übrigens auch das Kerlchen im Ohr, das Ihnen mitteilt "aber wir sind doch auch damit groß geworden!" Stimmt genau, und hier wird ja auch keine Zensur vorgeschlagen. Widersprüchlichkeiten gehören zum Leben, wie Gewalt und Täuschung. Auch wird man Kinderwünsche, hervorgerufen durch Moden und Bestsellerlisten, Kindergarten- und Schulfreunde, nicht komplett ignorieren wollen und können. Aber wir haben in diesem Spiel eine konstruktive Aufgabe. Wir ziehen daraus die Folgerung, so manches dieser Bücher wohl zu lesen, wenn es z.B. als verwandtschaftliches Geschenk ins Haus flattert. Dann aber vorzulesen und schließlich nachzuerzählen auf eine eigene Weise. Wir Vorleserinnen, Erzählerinnen haben es in der Hand, eben diese kritischen Anker den Kindern in der Lehre aus der Geschichte konstruktiv und nicht verhaftend nahezubringen, vor allem mit ihnen gemeinsam zu lachen.

Ein abschließendes Beispiel dazu: In den Geschichten um Hörbe mit dem großen Hut (ebenfalls PREUSSLER) lernen wir jenen Hustenplischke kennen, der sich natürlich von Gekochtem und Süßem ernährt, und die - "khh"(keuch-hust) - Symptome dieser grundlegenden Fehlernährung jeder Leserin wunderbar lebendig vor Augen führt. Und Zwottel, der Zottelschratz aus den Worlitzer Wäldern, ist ein echter Naturbursche, mit dessen Widerstandskraft man sich freuen kann. Einer, der eigentlich ohne Decke überall im Wald und auf der Heide übernachtet, dabei über enorme Kräfte verfügt. Der dann über die Wärme in Hörbes Haus erstaunt ist - und das Neue gemütlich findet - hineintappt in diese warm - anheimelnde Gesundheitsfalle, wie jedes Kind: "Das ist es ja eben", erwiderte Wurzeldittrich mit ernster Miene. "Für ihn hat sich viel geändert, seit er bei Dir wohnt, in Deinem warmem Haus." Und er wirkt doch kein bisschen mächtiger als sein Freund, der Koch- und Süßwarenköstler Hörbe. Aber eben dieser robuste Zwottel kriegt unter diesen Bedingungen Schnupfen, das Hörbesche Kochessen, das in so urgemütlichem Hörbehaus zubereitet wird, dürfte seinen Teil dazu beitragen: "Zwottel ließ sich die Grütze schmecken, er schnalzte und schmatzte aus vollen Backen "Hach, ist das gut und süß! Huch, ist das süß und gut!" Kein Kind wird's spätestens dann noch wundern, wenn es genau solche Geschichten lebendig zu Hause erlebt, wenn Freunde zu Gast sind, die wie wir alle selbst früher alljährlich mehrfach "hartnäckig erkältet" waren! Werden sie so lebendig erzählt und ins tägliche Leben eingebunden, dann sind selbst solche Kinderbücher gut für unsere Kinder - denn rasch gelangt das Kind über sie hinaus, süßklebrige Anker halten dann nicht. So kann verschwinden, was kranke Modelle setzt. So begannen Gerkens Kinder die Hörbegeschichte weiterzuspinnen: Was geschähe denn, wenn der Hörbe Rohköstler würde? - Und Kinder wie Eltern finden zu eigenen Geschichten, die gemeinsam und mit Freunden selbst erlebt wurden, dabei sammelnd, was sie später zur Freude aller erzählen werden - ganz menschentypisch wieder und wieder.

Nun ein Beispiel eines etwas anderen Kinderliedertextes nachfolgend. Der wunderbare Kinderliedermacher und Rohköstler STEPHEN JANETZKO hat schon so einige in seinem umfangreichen Repertoire. Und vielleicht erscheinen bald, dank der Kreativität unserer Leserinnen, auch noch Urkostkinderbücher? ALEXIS DANNER, Rohköstler und NL - Autor hat einen Roman mit dem wunderbaren Titel "Die Glücksanleitung" geschrieben. Dieser ist auch im Internet nachzulesen.

Löwenzahn (Toll, toll, toll!) © Brigitte Rondholz

Wir sind heut übers Feld spaziert und haben Löwenzahn probiert, wir fanden ihn zum Essen toll und machten unsern Korb ganz voll! Toll, toll, toll! Der ganze Korb ist voll! Toll, toll, toll! Der ganze Korb ist voll!

Wir finden ihn so wunderschön, so goldig leuchtend anzusehn.. Im Frühjahr blüht er sonnig gelb in Gärten, Wiesen, auf dem Feld. Gelb, gelb, gelb! Er leuchtet auf dem Feld! Gelb, gelb, gelb! Er leuchtet auf dem Feld!

Er wiegt sich wohlig sanft im Wind und duckt bei Regen sich geschwind. Er strahlt im hellen Sonnenschein und zieht des nachts die Blüte ein. Schein, Schein, Schein! er zieht die Blüte ein.

Die Mädchen finden's wunderbar, sie stecken Blüten sich ins Haar. Und mit dem gelben Blütenkranz da machen sie den Löwentanz. Kranz, Kranz, Kranz! Sie machen einen Tanz! Kranz, Kranz, Kranz! Sie machen einen Tanz!

Die Jungen kommen rasch herbei, bei diesem Tanz sind sie dabei! Sie sind ganz höflich und sehr nett auf weichem Löwenzahnparkett! Nett! Nett! Nett! Auf Löwenzahnparkett. Nett! Nett! Nett! Auf Löwenzahnparkett.

Auch Bienen lieben Löwenzahn, und fröhlich fliegen sie heran. Ich freu mich im Vorübergehn und laß ganz viele für sie stehn! Gehn, gehn, gehn, ich laß ganz viele stehn! Gehn, gehn, gehn, ich laß ganz viele stehn

Und ist die Blütezeit vorbei, dem Löwenzahn ist's einerlei. Er zieht sich um zur Sommerzeit und trägt sein Pusteblumenkleid. Zeit, Zeit, Zeit, sein Pusteblumenkleid. Zeit, Zeit, Zeit, sein Pusteblumenkleid.

Die zitierten Kinderbücher: BLYTON, E. (1975): Das Tal der Abenteuer. - (DTV) München - und weitere Bücher der Abenteuer-Reihe. LINDGREN, A. (1989): Nein, ich will noch nicht ins Bett. - (Oetinger) Hamburg. LINDGREN, A. (1996): Michel in der Suppenschüssel .... - (Oetinger) Hamburg. PREUSSLER, O. (1983): Hörbe und sein Freund Zwottel. - (Thienemann) Stuttgart.

Bernd Gerken, Bornstraße 2, 37671 Höxter

Bernd Gerken, ist Professor am Lehrgebiet Tierökologie der Fachhochschule Lippe und Höxter und seine Frau, Annette Gerken, ist Dipl.- Biologin. Sie haben fünf Kinder und leben schon seit einiger Zeit roh-bis urköstlich. A. und B. Gerken sind seit ca. 15 bzw. 25 Jahren in der Jugend - und Erwachsenenbildung, sowohl im Hochschulrahmen als auch außerhalb tätig. Ihre Veranstaltungen erfreuen sich sehr guter Resonanz. Begeisterung für Natur, das - zeitweilige - Leben in und mit der Natur, die Beobachtung von Pflanzen, Tieren und Standorten sowie Formen nachhaltiger Nutzung der Landschaft, des Schutzes und Managements von Naturschönheiten steht in der Bildungsarbeit und in praktisch wirksamen Projekten seit Jahren im Vordergrund ihrer Tätigkeiten.

Zu Brigittes Löwenzahnlied gibt es ein wunderschönes Löwenzahnbuch. Mit Fotos. Es heißt "Löwenzahn", herausgegeben von Grete Janus Hertz und Mogens Hertz, ist in Druckschrift geschrieben und im Carlsen Verlag erschienen. ISBN 3-551-53145-5


Letzte Änderung: 24.8.2002 19:37:51 - Autor: Brigitte Rondholz - Letzter Autor: Martina
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