Giersch Im Garten


Liebe Freunde,

manchmal erreichen mich Geschichten, die ich einfach lustig oder schön finde. Nachfolgende gehört dazu, auch wenn der Autor natürlich den wahren WERT der WILDpflanzen noch nicht begriffen hat, und ich es mit einem weinendem Auge lese, wie er diesem tollen Gewächs den Garaus machen möchte.

Gott sei Dank: erfolglos! :-)

Doch lest selber diese witzige Glosse ...

von WERNER DAVID.

... über den Giersch. (Danke, Werner!):

1. Mai.

Weiße Flocken taumeln langsam zu Boden.

Unser Birnbaum beendet seine alljährliche Blühorgie mit einem Regen von Blütenblättern, die meine naßgeschwitzte Stirn mit weißen Masern verzieren.

Fertig! Uff!

Aufatmend stelle ich die Sense zur Seite und ziehe den Stecker.

Jawohl, ertappt! Ich habe eine Motorsense, elektronischer Schandfleck in jedem Naturgarten. 430 W für DM 49,90 bei Aldi. Schlappe 12 Pfennig pro Watt! Ich schäme mich ja auch angemessen.

Immerhin habe ich jahrelang von Hand gemäht, wie es sich gehört. Die Vorstellung von der hohen Kunst des Sensens ist in der Regel massiv romantisch verklärt. Das Bild vom kernigen, blonden Großknecht, der im blütenweißen Hanfhemd singend in den Sonnenuntergang schreitet, während unter dem kraftvollen Schwung blitzenden Stahls Reihe um Reihe des grünen Goldes zu Boden sinkt, hat mit der Wirklichkeit wenig gemein.

Wenn ich selber die Sense schwinge - nicht mal ein Hanfhemd habe ich, und statt zu singen fluche ich höchstens ab und zu - wirkt das wasserblasenträchtige Endergebnis, als ob ein nicht mehr ganz nüchternes, weitsichtiges Schaf ohne Brille am Werke gewesen wäre. Regelmäßig bleiben einige meiner Lieblingsstauden auf der Strecke, das Zielradar bei Sensen läßt zu wünschen übrig.

Außerdem entwickelt die Klinge eine fatale Neigung, innigen Kontakt mit Teppichstangen und Zaunsäulen einzugehen und sieht dementsprechend aus wie ein Spechtschnabel, der auf Stahlbeton gehämmert hat. Abhilfe könnte der legendäre Dengelhammer schaffen, aber den kenne ich nur aus Romanen von Ludwig Ganghofer, live ist mir noch keiner über den Weg gelaufen, geschweige denn, daß ich wüßte, wie man ihn benutzt.

Die Motorsense ist laut, häßlich und natürlich zutiefst verdammenswert.

Aber verdammt praktisch!

Ein Nylonfaden dreht völlig durch und macht auf muskelschonende Weise kurzen Prozeß mit allem, was ihm in die Quere kommt. Ich kann problemlos einzelne größenwahnsinnige Grasbüschel für eine radikale Schur herauspicken, Wege in unsere Wiese fräsen oder Brennesseln in kleine Scheibchen hacken (die haben schließlich ihr eigenes Beet). Zaunsäulen und Hauswände haben ihren Schrecken verloren, außer einem frustrierten Nylonfaden mit Gehirnerschütterung droht keine Gefahr mehr.

Wunder der Technik!

Über dem niedergemähten Grün liegt ein intensiver, lauchartiger Duft.

Giersch, der König des Schattenreichs, macht sich hier posthum bemerkbar. „Posthum“ ist leider Gottes nur reines Wunschdenken; lediglich eine kurze Verschnaufpause habe ich gewonnen.

Der hartnäckige, weißblühende Doldenblütler hat einen ausgesprochenen „finsteren“ Charakter. Er wuchert noch bei einer Lichtintensität, die den meisten Stauden das Genick bricht und nutzt diese Überlegenheit schamlos aus.

Am Rande unserer Hecke und unter dem Birnbaum gedeiht - rein theoretisch -„Diane“, eine schattige Blumenhecke aus 31 verschiedenen Arten. Stand zumindest auf der Samenpackung. Die einzelnen Samen werden in der Walpurgisnacht von Elfen mit makellosem Stammbaum geerntet, in Blattgold gehüllt und handsigniert. Das vermute ich zumindest bei diesem Preis.

Unglücklicherweise betrachtete der Giersch die Ansaat als Einladung zum sofortigen Einzug und setzte sich begeistert ins gemachte Nest. Selbst Turbokeimer haben es ausgesprochen schwer, sich gegen den Herrn der Finsternis zu behaupten. Inzwischen bildet er geschlossene, reinrassige Bestände und unternimmt von dort aus kühne Vorstöße in die Wiese.

So nicht, mein Freund!

Da hilft nur noch der Frontalangriff mit gezückter Grabgabel. Rechnen Sie mit dem Schlimmsten!

Der Kampf gegen den Giersch gehört zu den finstersten Kapiteln eines Gärtnerdaseins und das nicht nur, weil er sich im Schatten abspielt. Schon Jahrmillionen vor Bill Gates und Microsoft hat diese Pflanze das Prinzip der totalen Vernetzung verwirklicht. Jede Einzelpflanze surft über lange, bräunliche Ausläufer im Giersch-Internet, die Ausläufer sind im Schnitt doppelt so lang wie die Ausdauer des grimmigsten Gärtners. Egal wie oft Sie denselben Fleck durchwühlen, Sie werden immer noch ein weiteres Exemplar dieser Biospaghetti entdecken.

Die Haltbarkeit ist vergleichbar mit einer mürbe gekochten Glasnudel. Auch bei unendlich behutsamer Vorgehensweise wird Ihnen das verdammte Ding irgendwann abreißen. Wenn Sie in diesem Moment ihr Ohr ganz nah an den Boden bringen, werden Sie ein leises, schadenfrohes Kichern hören.

Und aus jedem noch so winzigen Bruchstück entsteht schon bald ein glückliches, kleines Gierschbaby...

Im Lauf vieler Gärtnergenerationen haben sich einige klassische Bekämpfungsmethoden herauskristallisiert:

1. Die kulinarische Methode nach Paul Bocuse:

Wenn Sie im Akkord kauen und sämtliche Kaninchen der Nachbarschaft einspannen, können Sie in Form von Gierschsalat und -gemüse gewisse Achtungserfolge bei der Bekämpfung erzielen.

Der Geschmack ist nicht schlecht, aber spätestens nach vier Wochen werden Sie gierig die Ketchup-Flasche packen, wenn der Nachbarsdackel vorbeiläuft.

2. Verpackungsmethode nach Christo:

Decken Sie das „infizierte“ Gebiet ab. Großzügig! Denken Sie an die unterirdischen Ausläufer, die bereits hinter ihrem Rücken auf eine Chance zum Durchbruch lauern.

Big Giersch is watching you!

Kochender Asphalt ist wirkungsvoll, kann aber auch das Gesamterscheinungsbild der behandelten Hecke geringfügig verändern.

Rindenmulch müssen Sie großzügig verwenden. Eine Schichtdicke von zwei Metern reicht allerdings völlig aus.

Bewährt hat sich eine mehrere Zentimeter dicke Schicht aus Zeitungen oder stabile Plastikfolie, vorausgesetzt, Sie lassen auch nicht das kleinste Schlupfloch frei. Boshafte Fragen Ihrer Nachbarn, ob Sie unter die Verpackungskünstler gegangen sind und ob als nächstes der Reichstag auf dem Programm steht, können Sie mit einer tarnenden Mulchschicht vermeiden. Nach einem Jahr Wachstum im Dunkeln geht in der Regel sogar Giersch die Puste aus.

3. Die klassische Methode nach Sisyphus:

Jäten, jäten, jäten....

Viel Spaß! Laut wissenschaftlichen Studien beträgt die Wahrscheinlichkeit sämtliche Ausläufer zu erwischen ca. 1:4711. Ursache ist die Fähigkeit der Pflanze zum GABB (Gierschausläuferbruchstück-Beam), die wohl einmalig im Pflanzenreich ist.

Bei akuter Gärtnergefahr beamt ein winziger Prozentsatz spezieller Ausläuferteilchen in den Hyperraum und kehrt erst zurück, wenn die Luft rein ist.

Das glauben Sie nicht?

Dann haben Sie noch nie Giersch gejätet.

COPYRIGHT © WERNER DAVID LUKASFELDSTR. 21 85435 ERDING, 2001 OHL REITS RISÖRFD

Weitere 28 tierisch ernste Artikel rund um den Orientalischen Tanz findet ihr in „Bauches Lust, Bauches Frust“, ISBN 3-8311-1964-3, 139 Seiten, 9,50 Euro. Nähere Infos auf seiner Homepage http://www.bauches-lust.de


Letzte Änderung: 19.1.2005 12:12:41 - Autor: Brigitte Rondholz - Letzter Autor: Brigitte Rondholz
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