Der Urkost Auf Der Spur In Thailand


Der Urkost auf der Spur in Thailand.

Viele Rohköstler haben ein Faible für Wahrheit und die Natur. Ich bin auch so einer. Wer hat die Wahrheit über die urnatürlichste Menschennahrung? Der eine sagt 'Friss' Wildschwein, Ente und Fisch für Eiweiß und B12', der andere singt 'Nur im Grün wirst du erblühn.' Hier heißt es Sonnenkost, dort werden Sprösslinge empfohlen und da drüben plädiert wieder eine andere für das Glück in der Algendose. Da weiß man ja bald nicht mehr, wo einem der Kopf steht.
Vielleicht sind wir uns einig, dass die Wahrheit am ehesten im Busch liegt, im wilden Leben in den Büschen. Uns bleiben lediglich Mutmaßungen über das, was einst mal war. Mit 'Alles roh' sind wir der Wahrheit sicherlich schon einen großen Schritt näher gekommen, doch wie genau gestaltet sich wohl unser roher Speisezettel?
Bei der Erlernung einer Sache geht doch eigentlich nichts über Probieren, eigene Erfahrung am eigenen Körper, Praxis sammeln und live dabei sein. Deswegen bin ich in die Büsche nach Thailand, der allgemeinen Vermutung folgend, dass das tropische Klima unser Zuhause ist.
Letztendlich verbrachte ich drei Monate auf Ko Tarutao, einer ca. 100qkm großen Insel im Süden Thailands mit über 99% wildem Dschungel. Wenn als Insel auch nicht die optimale Versuchsgeographie, so war hier doch einiges an Uratmosphäre zu schnuppern. Was würde der Urwald hergeben?
Auf zahlreichen Märschen durch den Wald und an Strand und Küste entlang ließen sich einige Anhaltspunkte für Urnahrung sammeln:
Früchte: Ich fand 20-25 wilde Früchte und Beeren. Die Highlights:
Orangensäckchen: Schale und Fruchtfleisch orange, Hodensackform, bisschen runzlig, feigengroß, leicht wattige Konsistenz, erbsengroße Kerne, erquickendes süß-saures Aroma.
Kaugummimilchapfel: kleiner Apfel, rot, milchiges Fruchtfleisch, streichelnd süß, mandelkerngroße Samen. Am Schluss hatte ich einen Kaugummi im Mund, irgendein weißes Zeugs aus der Mitte des Apfels, sehr angenehm. Es war nett, nach 1 ½ Jahren mal wieder Kaugummi zu kauen.
Rhabarbereumel: außen gelb, innen tiefrotrosa, der Wahn. Clementinengroß, erbsengroße Samen, exotisch erquickend süß-sauer. Erinnerte mich an Rhabarber, jedoch weniger sauer. Leicht wattig. Ein Verwandter des Orangensäckchens?
Wilde Mangos und Mangostane: etwas säuerlicher, kleiner und großsamiger als die kultivierten Sorten.
Purpurbeere: Farbe wie Name, haselnussgroß, länglich, kernig süß, leichter Flaum auf der Schale.
Der Flopp:
Miniätzorange: schön anzusehen, gelbgrünorange, walnussgroß, im Prinzip exaktes Orangenaussehen, nur im Miniformat. Liegen unangerührt zu Hauf unter diesem Baum da. Bittersaurer, rachenverätzender Geschmack. Ein Biss zum Öffnen der Frucht genügte. Abklingphase ca. fünf Stunden. Später erfuhr ich von einem Thai, dass auf dem Boden auch nicht von Tieren des Urwaldes angefressene Früchte mit großer Wahrscheinlichkeit ungenießbar sind.
Unterm Strich fand ich zwar eine niedliche Anzahl Fruchtsorten, deren stück-, bzw. baumweises Vorhandensein war dennoch beileibe nicht als üppig zu bezeichnen. Zu meinem Bedauern gab es gerade mal einen Kaugummimilchapfel zu ergattern. Eichhörnchen, Affen und Vögel sind zudem elegante Konkurrenten. Die meisten Früchte fand ich am Ende meines Aufenthaltes Anfang April 2000. Erst zu diesem Zeitpunkt schienen sie reif geworden zu sein, um von Sonne, Erde, Wasser und Luft fertig zubereitet vom Baum zu fallen.
Pflanzen: Vier fünf bitterpelzige, kaum genießbare Blätter haben mir die Motivation geraubt, alle weiteren Blätter zu probieren. Auch war ich nicht in der richtigen Verfassung für Wurzeln, Knollen und Pilze. Ein Thai zeigte mir zwei sehr gute Blüten zum Nektar auszutzeln, eine Thai zwei recht schmeckende Wildgrüns. Mit viel Erfahrung ist in dieser Abteilung sicherlich noch einiges zu holen.
Insekten: Die gibt es natürlich in ausreichendem Maße. Manche schmecken wohl auch okay, ein Thai hat's mir mit einer weißen Larve o.ä. aus einem im Baum aus Blättern gebauten Ameisennest vorgemacht. Ich jedoch stellte mich ein wenig an und bin seiner Aufforderung, es ihm gleich zu tun, nicht nachgekommen. Ich begnügte mich mit einem gelegentlichen Tritt in eine Termitenstraße, deren Fußgänger sich dann wie kleine Hirschkäfer in meinem Fuß festzwickten. 'Diese Schweine!', monierte ich dann. 'Die haben ja eine sau Kraft in ihren Zangen!' Es war schmerzhaft. Fressen und gefressen werden: das Gesetz des Urwaldes.
Eier: Ich habe keine gefunden, nicht einmal ein Nest entdeckt und die Schildkröten kommen nachts an den Strand zum Eierlegen. Da habe ich meistens geschlafen. Ich habe nicht ausfindig gemacht, wo sie ihre Eier im Sand vergraben, die Möglichkeit bestünde aber, keine Frage.
Meerestiere: Da gibt es einige am Strand und an den Felsen: Muscheln, Krebse, Schlammspringer, kleine Fischlein, Rochen und auch einmal ein größerer angespülter Fisch. An einem solchen und an Krebsen habe ich mich versucht. Es kam aber nicht bis zum Bissen, der unangenehme Geruch hielt mich davon ab. Aber die Möglichkeit ist da und wenn es einem schmeckt, so wäre es nur natürlich, davon zu essen, so wie es die Affen tun. Morgens um sechs kommen die krebseessenden Makaken bei Ebbe hinunter über die Felsen an den Strand geklettert und fangen und essen Krebse. Unter mehreren Affenarten auf der Insel sind die in der Tat nach ihrer Vorliebe benannten krebseessenden Makaken (crab-eating macaques) die einzigen, die dem Genuss dieser Krabbeltiere frönen.
Fleisch: Davon gab es recht viel zu sehen, einiges mehr als an Früchten, jedoch nicht verzehrbereit, sondern in Form von hauptsächlich Affen, Vögeln, Eichhörnchen, Echsen (10cm bis 1,5m) und Wildschweinen, wobei man letztere eher hin und wieder durchs Unterholz krachen hörte, als dass man das Glück hatte, sie zu erspähen. Sie alle gehen flink und munter ihrem Leben nach. Ich fand keines dieser oder andere Tiere tot auf, so dass ich davon hätte essen können. Eidechsen hätte ich fangen können, sie machten mich aber nicht an.
Fazit: Dieser Buschausflug war nicht mehr und nicht weniger als ein Schnupperkurs. Drei Monate sind zu kurz und die Insel ist zu klein, um irgendwelche feste Schlüsse zuzulassen, gewisse Tendenzen jedoch sind sicherlich abzulesen. Man kann mal darüber nachdenken.
Ich habe mich übrigens nicht drei Monate wild aus den Büschen ernährt. Zu verlockend ist Thailands Früchteangebot auf den Märkten. Ich fuhr regelmäßig ans Festland, um mir etwas auf die Insel zu bringen. Zudem gab's auf der Insel selbst eine Kokosnussplantage und wenn ich ehrlich bin, so habe ich gewiss nicht zu wenige Trinknüsse konsumiert. Dies ist m.E. ein wichtiger Punkt, denn wer weiß, ob ich hungrig und ohne Aussicht auf zwei junge Kokosnüsse nicht doch den einen oder anderen Pilz, Insekt oder Muschel gegessen hätte? Ich denke, man darf fast davon ausgehen. Wenn man Wahrheit sucht, ist es Pflicht, sich stets eine gewisse Offenheit zu bewahren. Immer locker bleiben, nicht verbohren. Gehirn ausschütteln und stretchen. Ach, was ich jetzt doch beinahe vergessen hätte:
Algenpräparate und andere Ergänzungsmittel: Diese hatte ich von vornherein gar nicht auf meiner Rechnung, doch manchmal kommen die Dinge, wenn man sie am wenigsten erwartet.
Eines schönen Tages war ich mit meinem Freund Konrad, dem Eichhörnchen, unterwegs zum Wasserfall. Wir sprangen bachaufwärts vergnügt von Stein zu Stein, als am linken Uferrand plötzlich ein Ständlein in unser Blickfeld geriet. Neugierig gingen wir hin. Verschiedene Döschen mit Algenpräparaten u.a. waren hier nett und kunstvoll arrangiert. Wir blickten verwirrt auf die Behältnisse und eine blonde Fee trat hervor. 'Hallo ihr beiden', sagte sie. 'Nehmt die Urkraft des Meeres in euch auf. Das braucht ihr wegen Eiweiß und B12. Das Pulver hier und die Presslinge da sind absolut natürlich. Seht nur, mein Sohn Simon, wie gut er damit gedeiht!' Konrad ist skeptisch. Er ruft Lisa, den Hornschnabel, und nach kuzer Zeit senkt sich der große Vogel mit lauten Flügelschlägen auf einen Ast kurz über uns. 'Lisa', sagt Konrad, 'schnapp' dir mal so ein Algending hier und bringe es dem klugen Delphin Oskar zur Inspektion auf's Meer hinaus.' Lisa macht sich sogleich auf den Flug und kehrt nach einer halben Stunde zurück. Sie stellt das Spirulinapulver mit dem Schnabel vorsichtig zurück auf's Dosentürmchen und schüttelt den Kopf. 'Oskar hat sowas sein Lebtag noch nich gesehen und der kennt sich aus im Meer.' Wir nehmen dies zur Kenntnis, vergessen den Ergänzungsmittelstand und machen uns hurtig auf zum Wasserfall, da wir uns nicht für das Treffen dort mit den Affen zum Lianenschwingen verspäten wollen. Schnell und ausdauernd wie wir sind, yeah, kommen wir so flink voran, dass man meinen könnte, wir hätten Algenpulver geschnüffelt.


Letzte Änderung: 29.10.2001 16:16:52 - Autor: alexis - Letzter Autor: Brigitte Rondholz
Home