Hundert Prozent Leben


Die Sache mit den 100% - Alles kommt zu dem, der warten kann.

Nach allem, was ich bis jetzt in der Rohkostszene gesehen habe, gibt es offensichtlich eine ganz besondere Mangelerscheinung, welche die obgleich nach Gesundheit Strebenden dennoch häufig und tückisch heimsucht. Es handelt sich hierbei um den Mangel an 100%iger Durchführung der Rohkost gepaart mit Ungeduld. Es ist fast schon ein Phänomen.
Ich möchte ein wenig ausholen: Die Rohkost ist so richtig, so echt und so einfach als wahr zu erkennen wie es der Wind, der Regen oder die Sonne ist. Es bedarf im Prinzip nicht einer einzigen wissenschaftlichen Erklärung, um die Wahrhaftigkeit all dieser Dinge, inklusive Rohkost, zu bestätigen. Sie sind da und funktionieren, ungeachtet dessen, ob wir verstehen weshalb und wie sie dies tun.
Es gab einmal ein Buch, das hatte nur eine Seite. Diese könnte jedoch bereits als hinreichend erachtet werden, die Rohkost ins richtige Licht zu rücken. Dieses Buch hieß 'Sei fasziniert vom Leben, vom Universum. Liebe das Leben, das Universum. Sei freudig erstaunt und angetan von den Werken der Natur, den Pflanzen, den Tieren, dem Leben. Erkenne die Raffinesse und Gesundheit des Ganzen und werde ein ebenso raffinierter und gesunder Teil von ihm, indem du davon isst, dich davon ernährst. Iss die Raffinesse, iss das Leben, iss Natur, iss also ausschließlich Nahrung, wie du sie in der Natur vorfindest und sei glücklich mit deinen Freunden'. Dieser Titel stellte dann auch schon den gesamten Inhalt des Buches dar. Dieses Buch wurde leider nie - nicht mal als Taschenbuch - veröffentlicht. Die Verlage lehnten das Manuskript ab und nannten den "etwas zu lang ausartenden und abstrusen" Titel als Grund.
Die Frage, ob Rohkost als dauerhafte Ernährungsweise zu empfehlen ist, klingt in meinen Ohren wie die Frage, ob Luft zu atmen auf die Dauer empfehlenswert ist. Ich brauche keine Wissenschaft, um zu fühlen, dass dem so ist und mir das gut tut.
Neben den 'zig Billiarden anderen Rohköstlern auf der Erde (alle Lebensformen auf ihr) gibt es nun wirklich auch schon wieder genügend menschliche 100%ige Rohköstler, die sehr glaubwürdig von ihren Erfahrungen über die Jahre hinweg berichten und an welche sich gut anlehnen lässt.
Wenn man irgendein Ziel erreichen möchte, so ist man gut beraten, sich über Wege an dieses Ziel bei jemandem zu erkundigen, der dieses Ziel bereits erreicht hat. Frage den, der da ist, wo du hinwillst. Frage den Reichen, nicht den Verschuldeten, frage Carl Lewis, nicht die fette Elke, frage einen etablierten Schriftsteller, nicht einen ewigen Kritiker, wie man an Geld kommt, schnell rennen kann oder ein gutes Buch schreibt. Wenn man also bis in die Haarspitzen gesund sein möchte, einem der eigene Naturverstand aber nicht die erforderliche Sicherheit bezüglich der Wahrheit der Rohkost zu geben vermag, so sollte man am wachsten und interessiertesten den Wegbeschreibungen eines Gesundheitsbündels lauschen, ein welches selbst auch einmal zu sein man sich ja wünscht.
Genügend 100%-Rohköstler haben sich auf internationaler Ebene bereits zu Wort gemeldet. Der Tenor lautet: Willst du gesund sein? Dann hör' jetzt einmal zu. Wenn nicht, dann gestatte dir gleich einmal die erste Kochausnahme, um die erste nahende Rohkostkrise, hervorgerufen allein durch die Vorstellung, in Zukunft womöglich nur noch roh zu essen (in Zukunft nur noch gesund zu sein), zu bekämpfen. Gesund sein geht so aber nicht. Vielmehr so:
Iss 100% roh und freue dich, mit der Metamorphose begonnen zu haben. Die Verwandlung zur Gesundheit geht nicht von heute auf morgen. Im Körper wird es rumpeln und poltern. Dies scheint alles andere als gesund zu sein und dennoch, dies gehört dazu. Die Gesundungsmechanismen im Körper machen sich deutlich bemerkbar. Die Rede ist von den oft beschriebenen Entgiftungserscheinungen. Na und wenn schon? Wie gerne nehme ich diese in Kauf, um den Rest meines Lebens gesund zu sein. Wie gerne laufe ich einen halben Tag durch beschissenes stürmisches Wetter, wenn mir danach 30 ½ Tage wundervolle klimatische Bedingungen blühen. Wieviel lieber ist mir das, als 31 Tage Dauerregen mit vielleicht ein paar vereinzelten kurzzeitigen Aufheiterungen.
Ohne Entgiftungserscheinungen geht es einfach nicht. Wie auch, wenn in den aus Kochunrat bestehenden Körper der froh gesinnte, 100%ig rohköstliche Hurricane der Gesundheit Eintritt erhält? Ja na und? Was macht's schon? Macht doch Spaß, hinauszurennen, voll in den Hurricane hinein, tief einzuatmen und sich herumwirbeln zu lassen. Okay okay. Zumindest aber kann man es als einen lehrhaften und durchaus auch interessanten Teil der abenteuerlichen Reise zu einer Gesundheit ansehen, wie sie in der Kochwelt gar nicht mehr für möglich gehalten wird.
Was folgt, ist die Ruhe nach dem Sturm. Man liegt auf einer wunderschönen, von verschiedenfarbenen Blumen geschmückten Wiese, die Hände hinterm Kopf, die Beine überschlagen, einen Grashalm im Mund, die Sonne scheint, Wölkchen ziehen ganz oben vorbei, weiter unten bewegen sich elegant ein paar Vögel durch die duftende Luft und ganz unten summt eine Biene zur nächsten Blüte. Dann ist man im Land der Gesundheit, und das, jawohl, mit 100% Rohkost. Kein Frieren, Kopfweh, Stinkschweiß und -atem, keine Schwindelgefühle, Schlappheit, Ausschläge, trockene Haut, einfach nichts mehr dergleichen. ImGegenteil?, alles löst sich in Wohlgefallen auf. Man fühlt sich öftermal sogar kribbelnd warm, leicht, ist wach, fidel und findet häufig Anlass zum lachen. Man ist so ausgeglichen und ruhig, dass man die enge Drahtschlinge auf dem Straßenfest gleich fünfmal hin und zurück um den kurvigst und kniffeligst gewundenen Draht gleiten lässt, ohne das Schlinge-berührt-Draht-Signal ertönen zu lassen.
Gewichtsverlust, wenn auch von deutlichster Art, hat sich wieder hochgepurzelt. Man braucht eben ein wenig Geduld mit der 100%igen Rohkost. Diese Geduld ist unentbehrlich und durch nichts zu ersetzen. Man muss sich doch nur einmal vorstellen, dass der ganze Körper, diese ganzen Kilos, nahezu gänzlich aus Kochkacke besteht, deren schnellstmöglicher Austausch mit Rohherrlichkeit nun angesagt ist. Unvorstellbar, wie so etwas schnörkellos vonstatten gehen sollte.
An diesem Punkt melden sich nun gerne die Fans von rohem Fleisch, Fisch und Eiern zu Wort. Durch den Verzehr dieser vermeintlich auch natürlichen Nahrung für uns Menschen werden den Entgiftungserscheinungen in der Tat Abhilfe geleistet, angeblich, weil in diesem Tierischen die richtigste und alleinige ausreichende Quelle für B12 und Eiweiß zu sehen ist. Ich vermute eher, dass wenn man soviel Tierisches isst, dass man kaum Entgiftungserscheinungen zu erdulden hat, dies ein Zeichen für weitere Vergiftung durch weitaus zuviel Tierisches ist und der Entgiftungsvorgang nur deswegen gehemmt bzw. in seiner Form gelindert wird. Der bekannte Rohfleischbefürworter Burger entwickelte nach einigen Jahren Rohkost trotzdem nochmal ein Krebsgeschwür am Bein, erst dann reduzierte er die Fleischaufnahme. Auch seine Frau bekam Krebs, konnte jedoch nicht vom rohen Fleisch lassen und erlag letztendlich durch weitere unglückliche Umstände ihrem Leiden. Da keine Fälle von Krebsentwicklung unter fleisch- und fischloser Rohkost bekannt sind, sind die Burger-Krebsfälle allem Anschein nach tatsächlich dem aus den Fugen geratenen, rohen Fleischverzehr zuzuschreiben. Wenn zuviel rohes Tierisches Krebs auslösen kann, so ist es meiner Vermutung nach eben durch erneute Vegiftung des Organismus auch in der Lage, Entgiftungserscheinungen zu lindern bzw. einzudämmen.
Was viele anstrebende Rohköstler m.E. einfach verkennen, ist die Notwendigkeit der Entgiftung samt ihrer unsäglichen Begleiterscheinungen und die Gelassenheit, mit welcher diesen begegnet werden kann. Auch Schmerzen an oder in verschiedenen Körperpartien, psychische Tiefs und Rotationen und zum Teil starkes Untergewicht gehören zum Programm, in absehbarer Zeit jedoch der Vergangenheit an. Es gibt genügend Langzeitrohköstler, durch deren Vorleben die empirische Beweiskraft gegeben ist.
Die Devise lautet also eindeutig: Geduld, Geduld, Geduld. Rohkost funktioniert bei jedem auf die Dauer mehr als einwandfrei. Ursprüngliche Pflanzen und Früchte sind offensichtlich das, woraus der Menschen Gesundheit besteht. Ich habe es live im Detail bei einem sehr guten Freund und nicht zuletzt auch bei mir selbst miterlebt. Bei uns beiden trat u.a. zunächst deutlicher Gewichtsverlust ein und die meisten Mitmenschen denken dann, dass nur ein Tor im Glauben sein kann, dass so etwas gesund sein soll. Doch ohne die Ernährung auch nur ein bisschen zu verändern, also stets wohlwissend auf die gleiche Formel vertrauend - 100% roh und sogar 100% vegan - kam das Gewicht wieder zurück. Es braucht aber seine Zeit. Bei mir persönlich ging es nach ca. 18 Monaten wieder nach oben. Eine diesem ungefähr entsprechende Zeitspanne wird allgemein als 'Magerzeit' gehandelt.
Es geht nicht darum, die möglich gewichtshaltendsten Dinge zu essen, sobald sie noch irgend etwas mir roh zu tun haben (Fleisch, Fisch, Eier, Honig, Sonnenblumenkernebreis, Getreide, haufenweise Nüsse u.ä.), sonder darum, Geduld zu üben. Gehaltenes Gewicht ohne Betreibung von Muskelaufbau durch sportliche Betätigung während der Entgiftungsphase ist alles andere als ein Indiz für die richtige Nahrungswahl. Die Unbereitschaft, die Entgiftungserscheinungen hinzunehmen, ist der Stolperstein schlechthin auf dem Weg zu 100% rohköstlichem Superwohlbefinden und strahlender Gesundheit.
Um der bei manchen einfach nicht auszuräumenden Panik vor B12- oder Eiweißmagnel zu begegnen, möchte ich eine m.E. naturgemäße Definition vom Früchte- und Pflanzenfresser versuchen anzugeben. Ein Früchte- und Pflanzenfresser zu sein heißt demnach eben selbiges, nicht aber fein gekleidet, mit Besteck, Lupe und abgespreizten kleinen Fingern im Essen nach zu entwendenden Würmchen o.ä. zu suchen. Auch eine selbstgefangene, gelegentliche Heuschrecke o.ä. würde noch nicht nach einer Aufnahme in die Bezeichnung des grundsätzlichen Nahrungsverhaltens des Menschen verlangen. Liebe B12 und Eiweiß-Angsthasen, haltet euch - wenn schon - lieber an vernünftigerweise eher vorstellbare Quellen für Tierisches, als Fleisch und Fisch zu schießen und angeln, es der Geschmacksverbesserung wegen ein Weilchen liegen zu lassen, in Stücke zu schneiden und zu trocknen oder andere unnatürliche Präparationen an ihm vorzunehmen. Lenkt eure Bedenken clevererweise auf 'zuviel Tierisches', nicht auf 'zu wenig'.
Und noch einmal, weil es so wichtig ist, zur richtigen Einschätzung der Zeitspannen: Der durchgehend wundervolle, rundum gesunde Körperzustand durch 100%ige Rohkost tritt erst nach einigen Jahren ein und selbst nach vielen Jahren sind gelegentliche Ungereimtheiten im Körper nicht auszuschließen. Nach 10-, 20- oder 50-jähriger Schlechternährung sollte man am Anfang einfach nur mal glücklich sein und sich damit zufrieden geben, überhaupt von der Rohkost erfahren zu haben. Der ganze Körper besteht jetzt nun einmal aus Unrat, und bis dieser restlos entsorgt ist - falls dies für unsere Generationen überhaupt möglich ist - braucht es leider Gottes nun mal seine Zeit. Doch bereits die Zwischenhochs während der anfänglichen Hauptentgiftung könnnen schon vortrefflich dazu dienen, einem einen Vorgeschmack auf das einen in Zukunft erwartende, immer andauerndere Wohlgefühl zu geben. Was ist es denn für ein Verhalten, zwei Wochen oder Monate Rohkost zu machen, die von Langzeit100%ler beschriebene Gesundheit logischerweise noch nicht umgehend zu erfahren und deswegen die Idee wieder zu verwerfen? Dann heißt es auch noch: 'Ich habe Rohkost gemacht, kann also mitreden, muss aber sagen, es ist ein einziger Schmarren.' Das ist ungefähr so wie:
Ein Mensch sagt zu einem anderen: "Hör' zu. Wenn du ein schönes Leben willst, dann komme hierher in dieses schöne Land. Es gilt jedoch erst diesen Bach hier zu durchschreiten. Du wirst zunächst nasse Füße bekommen, doch bald werden sie wieder trocken und dein Leben schön sein." Der andere Mensch antwortet: "Ja, ich will ein schönes Leben, ich komme also in dieses Land." Er macht ein paar Schritte in den Bach hinein, bekommt nasse Füße, dreht sofort, sogar leicht empört, um und klagt: "He, ich bekomme ja nasse Füße und es ist kalt, was soll denn daran schön sein?" Später erzählt er, dass es das schöne Land nicht gebe. Er selbst sei dort gewesen, um festzustellen, dass es nicht schön ist und man dort nur nur nasse kalte Füße bekommt. Vielleicht belächelt er auch noch einige, die gerade mitten im Bach sind, von ihrem Ziel des schönen Landes schwafeln, aber mit ihren Füßen im Nassen stehen. Doch bald werden diese den Bach überquert haben und diejenigen sein, die zuletzt lachen. Diese lachen ja bekanntlich am besten.


Letzte Änderung: 29.10.2001 16:20:12 - Autor: alexis - Letzter Autor: Brigitte Rondholz
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