Hunger Ist Die Beste Mahlzeit


Hunger ist die beste Mahlzeit vs. Rohkostbuffet

Ich glaube nicht, dass es einen besseren Ernährungsratgeber als unsere Sinnesorgane und Instinktempfinden gibt. Sich unter natürlichen Umständen in der Regel außer Reichweite befindliche Nahrung, auf die ich zudem frisch und mono nicht anspreche, möchte mir nicht so recht gefallen, auch wenn sie in Nahrungstabellen durch reizende Mineralstoff- und Vitaminwerte besticht. Werte dieser Art entspringen der Wissenschaft, ich fände es aber schön, die gesündeste Lebensweise ohne die Berufung auf wissenschaftliche 'Belege' plausibel gemacht zu wissen, deren Schicksal es doch ist, immer ein bisschen richtig und gleichzeitig immer ein bisschen falsch zu sein. Nun, Werbung für Nashornpulver, Haifischflossen, Tigerpenise, aber auch für Grapefruitkerne, Ginkoextrakt oder Algenpräparate lässt mich also kalt. Eine wundersame 'gesunde und vitalstoffreiche' Pflanze aus den tiefen Wäldern beeindruckt mich ebenso wenig in dem Moment, in dem sie mich nicht anmacht und mir nicht schmeckt.
Ich vertraue völlig darauf, dass mich der Instinkt, nicht der Intellekt, zur richtigen Nahrung lotst. Was schmeckt, ist super, was nicht, nicht. Aaaaber, hier tritt nun der Hunger in Szene. Er spielt meiner Vermutung nach die tragende Rolle. Wie gerne isst man eine Cherimoya mit Schale, wenn einem der Magen knurrt und der Hunger auf den Geschmacksknospen lauert. Wie unattraktiv die Schale aber bereits erscheint, wenn man bei der dritten Cherimoya angelangt ist. Bei Hunger bereiten mir so gut wie alle Früchte Hochgenuss und auch die sonst weniger anziehenden Dinge, wie z.B. auch Wildpflanzen, rücken dann in den Toleranzbereich der Geschmacksempfindung. Man könnte sagen, es gibt keine schlechten Sachen zu essen, nur zu wenig Hunger.
Kaum etwas ist auch in der Natur einfacher zu beobachten, als dieses Verhältnis zwischen Hunger und Geschmack. Wenn die Beerenernte in der Wildnis Nordamerikas reichlich ausfällt, so wissen die dort lebenden Grizzlybären ganz bestimmt, was sie den ganzen Herbst hindurch essen werden. Bären lieben Beeren und wenn diese zu haben sind, sind sie erste Wahl. Anbei sei gesagt, dass Beeren nicht nur eine der beliebtesten, sondern auch eine der vorzüglichsten Nahrungsquellen für die Gewichtspolsteranfressung der Bären für den Winterschlaf ist. Es wurde eine Bärin beobachtet, die fraß einmal 16 Tage lang ausschließlich die dort wachsenden Seifenbeeren. Sie nahm in dieser Zeit 10,3 Kilogramm zu, im Schnitt am Tag also ca. 640 Gramm. 'O weh, zunehmen mit rohen Beeren? Da ist doch gar kein Fett und Eiweiß drin, wie soll denn das gehen?, jammer jammer.' Dieser Glaube ist in der Rohkostszene häufig anzutreffen. Also bitte, wer sich die Fleischverteidigungs- und Fleischfressqualitäten eines Bären zutraut ( ha ha), der kann sich schon dreimal dessen Fähigkeit zutrauen, durch Beeren bzw. Früchte an Gewicht zu gewinnen, da der Mensch, der Anatomie nach zu urteilen, für diese Art von Nahrung noch prädestinierter als der Bär zu sein scheint. So, soviel mal wieder zu diesem Thema. Also, weiter im Text:
In manchen schlechten Jahren jedoch tragen die Büsche nur 10-15% der Beeren, die sie normalerweise hergeben. In solch kargen Jahren weichen die Bären z.B. auf Wurzeln und Knollen bestimmter Pflanzen aus, die sonst weiter unten in der Skala der Nahrungsvorliebe angesiedelt sind. Die Bären legen dann zwecks Nahrungssuche auch große Entfernungen zurück, entwickeln einen Bärenhunger, und ich glaube, dass ihnen die Wurzeln und Knollen dann auch relativ gut schmecken. Wie wählerisch wiederum die Bären andererseits aber doch auch werden, wenn ihnen in reichen Lachsjahren die Prachtskerle im wahrsten Sinne des Wortes ins Maul springen. Wenn der Bär seinen ersten Hunger gestillt hat, trennt er beim nächsten Lachs gekonnt und fein die fette Haut vom mageren Anteil und lässt sich lediglich noch das Filet schmecken.
Wie wichtig mag es wohl allgemein für einen Organismus sein, dass die Launen der Natur nicht immer den Zugriff auf Lieblingsspeise Nr.1 ermöglichen? Wäre es gut für den Bären, sich ausschließlich von Beeren und Lachsfilet zu ernähren?, und man darf stark annehmen, dass er dies, wenn er die Möglichkeit hätte, tun würde. Vielleicht kommt ihm aber gerade durch die auferzwungenen Nahrungsengpässe die beste, ausgewogenste Ernährung zugute? Irgendwie glaube ich, dass es sich eben so verhält, auch wenn der Bär bei einer reinen Beeren- und Lachsfiletkost sicherlich nicht gleich abnippeln würde.
Was können wir also aus der Betrachtung wilder Lebensverhältnisse für uns lernen? Es gibt z.B. kaum einen Sättigungszustand, in welchem mir nicht noch eine Durian munden würde, außer vielleicht, wenn ich bereits vier davon verzehrt habe. Hätte ich jeden Tag Durian, so ließen sich die Tage in meinem Leben, an welchen ich keine Durian esse, womöglich an einer Hand abzählen. Es wäre sicherlich aber auch mal gut, etwas anderes zu essen.
Ob es gut ist, immer die volle Nahrungspalette zur Auswahl zu haben, diese Frage ist in meinen Augen mit einem großen Fragezeichen versehen. Es ist sicherlich deswegen sehr sehr gesund, sich immer erst durch eine gewisse Anzahl von Nahrungsprodukten hindurchzuschnüffeln, bevor man dann die den Instinkt am meisten ansprechenden zu sich nimmt, da es sich bei dieser sogenannten Instincto-Ernährungsweise eben ganz einfach um rohe Nahrung handelt. 100% roh ist einfach schonmal supergesund. Für wirklich unnötig halt ich ein derartiges Gebaren dennoch. Zur künstlichen Nahrungsvielfalt, die sicherlich zum Überessen verleiten kann, gesellt sich oftmals bald auch gerne ein gekünsteltes Instinkt-Geruchs-Sperre-Intellekt-Verhalten des Essers. Man konzentriert sich auf den Geschmack, ist stets auf der Hut, um auf irgendwelche Geschmacksveränderungen im Produkt sofort reagieren zu können, naja, und die Chance ist eben gegeben, dass man nicht nur ein Instinkt-, sondern auch ein Intellekt- und Einbildungsgesteuertes Essverhalten an den Tag legt. Diesem Eindruck konnte ich mich zumindest bis jetzt meistens nicht erwehren, wenn ich mich mit Instinctos austauschte.
Ernährung ist zu einfach, um ihre Praktizierung irgendwie aufzublähen. Es ist doch kein Act, Hunger zu haben und sich dann irgend etwas Rohes, Ursprüngliches und Artgerechtes schmecken zu alssen. Mit Hunger schmeckt alles supergut und ist supergesund. Es mit der uns möglichen Nahrungsversorgung jedoch zu so großem Hunger kommen zu lassen, dass einen auch einmal Platz 117 der Nahrungsvorliebenliste zum Essen verlockt, das ist verdammt schwer. Ich zumindest ziehe so gut wie immer den kürzeren, wenn mich die Nahrungsvorräte aus den Kisten heraus anlachen. Man sollte sich vielleicht etwas einfallen lassen, um die Nahrungsengpässe in der Natur zu simulieren.


Letzte Änderung: 29.10.2001 16:31:07 - Autor: alexis - Letzter Autor: Brigitte Rondholz
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