Vegan Und Doch Nicht Vegan


Das Maß der Dinge: Das richtige Maß.
100% vegan = wieviel Prozent daneben?

Die intellektuelle, strikte Ablehnung jeglicher tierischer Nahrung - kann das natürlich, kann das die Wahrheit sein? La lala lala (als Lockerungsübung ein kleiner Gesang). Gehen wir der Sache auf den Grund.
Ich bin ein Mensch. Persönlich fühle ich mich instinktiv und intuitiv als Früchte- und Pflanzenfresser. So, was heißt das jetzt? Ziehen wir dazu Folgendes in Betracht: Rind, Pferd, Büffel, Elefant, Giraffe und Nashorn sind Pflanzenfresser. Löwe, Tiger, Jaguar und Puma sind Fleischfresser. Weder die einen noch die anderen bleiben ihrer Linie jedoch stets 100%ig treu. Die einen können gar nicht anders, als unbewusst einen, wenn auch kleinen, Anteil an Kleingetier zu sich zu nehmen, nämlich kleine Viechlein, die sich unter den Blättern und zwischen den Grashalmen befinden, und die anderen essen gar freiwillig und bewusst ab und zu Gras, mag es der Verdauung wegen sein. Aus dem südostasiatischen Raum wird zudem berichtet, dass Tiger Durian essen gesehen wurden. Wenn man beachtet, wie gerne Hunde Avokados essen, so ist dies absolut glaubhaft und normal. Als Versuch kann man z.B. einer Kuh oder einem Pferd eine Handvoll frischen Grases füttern, welcher man eine kleine Raupe und sieben Ameisen beimischt, falls diese nicht sowieso schon zufällig in der gepflückten Handvoll enthalten sind. Sowohl die Kuh als auch das Pferd werden das Gras ohne Anstalten zu machen genüsslich essen. Nichtsdestotrotz ist es gut vorstellbar, dass Kühe und Pferde beim Gras-Direkt-Versand, wenn sie die Wahl hätten, frisches Gras ohne Raupen und Ameisen bestellen würden. Aber wer weiß, vielleicht ist ein ganz geringer Anteil an Minivieh ja das Optimale für die Organismen der Pflanzenfresser, wenn es sich in der Natur schon mal so zuträgt, und 'sauberes' Gras wäre vielleicht nur das fast Optimale?
Es war einmal eine Zeit, vielleicht vor 758.000 Jahren, da gab es sehr wohl schon Orkos, ja sogar nur Orkos überall, nämlich ORganischen KOSmos, jedoch noch keine Telefone, mit deren Hilfe man bei Benedikt, Jerome und Angela sein Essen bestellen konnte. Zu jener Zeit wehte uns auf Erden noch ein anderer Wind ins Gesicht. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Es gab nicht jeden Tag im Jahr zwei Avokados, eine halbe Durian, vier Safus, drei Mangos und eine Papaya. Es gab von allem ein bisschen weniger, unterm Strich jedoch nie zu wenig, und es war gut so. Die Ursprünglichkeit hat nur Gutes an sich. So hatten wir unsere Pobacken zu bewegen, um in jedem neuen Moment des Hungergefühls der Nahrungsbeschaffung nachzukommen. Stellen wir es uns genau vor. Da sind wir: Busch, wilde Büsche, Dschungel. Wir wandern mit den Reifezeiten der Früchte. Manchmal gibt es weniger, manchmal mehr von ihnen. Dann gibt es mal einen ganzen Baum voll, dann mal vier Tage überhaupt keine. Und dann? Dann entwickeln wir ein ganz anderes Hungergefühl, als wenn wir uns jeden Tag per Knopfdruck halbe Fruchtplantagen ins Haus bestellen können. Was tun? Fasten? Aber vielleicht sind wir doch zu 'altmodisch', das Fasten nur eine moderne Erscheinung?, fasten im Sinne von bewusst nichts essen, auch wenn ein Hungergefühl besteht und Nahrung vorhanden ist. Vielleicht sind wir ausgebuffte wilde Menschenprofis, die schon wissen, was man sonst noch alles so essen kann, wenn die Nr.1 der Speisekarte einmal ausfällt. In Zeiten der Knappheit weiß jedes wilde Tier um seine Ausweichmöglichkeiten und nutzt diese auch, da im wilden Leben genug 'gefastet', wenig genug gegessen wird und niemand krankhaftes Übergewicht hat.
Nun, wir weichen aus. Auf was? Auf Blätter, Wurzeln, Blüten, Knollen, Pilze oder z.B. Stengel irgendwelcher Pflanzen? Ja, oder?, könnte man sich doch vorstellen. Was ist nun, wenn wir an einem Baumstumpf mit Maden vorbeikommen. Wir haben großen Hunger. Wissen wir überhaupt noch, was Hunger ist? Wann hatten wir das letzte Mal so ein richtiges Hungergefühl, hatten wir jemals eines? Nicht nur ein leeres Magengefühl, sondern Hunger wie ein Bär, wenn er aus dem Winterschlaf erwacht?
Nun, essen wir also von den Maden? Bäh, wir neigen vielleicht immer noch zu glauben, nein, das würden wir nicht tun. Sind wir uns dabei aber sicher, dass es sich nicht um einen anerzogenen, urzeit- und naturfremden Zivilisationsmenschekel handelt, wenn sich bei diesem Gedanken Widerwillen in uns regt? Ich, für meinen Teil, bin es mir nicht.
Viele Naturvölker, die eben der Natur noch viel näher stehen als wir, wenn man so will also der Wahrheit, ekeln sich nicht vor z.B. Maden und auch manch anderem Insekt. Der Geschmack soll gut sein und wenn man sie reden hört, so möchte man ihnen glauben.
Ich vermute nun also mit um Nüchternheit bemühtem Menschenverstand, dass 100%iger Veganismus die optimale Menschennahrung um ca. 0,1-1% verfehlt. Ich glaube natürlich, wie wir wohl alle hier, dass die Bedürfnisse des menschlichen Organismus an ein Leben in der wilden Natur angepasst sind, und ich glaube, dass wir uns kaum mehr eine richtige Vorstellung vom wilden Leben machen können. Intuitiv würde ich behaupten, dass Urmenschen ihre Früchte vor dem Verzehr keiner peniblen Wurminspektion unterziehen (wenn selbst ich es schon bei Himbeeren und Kirschen zu umständlich finde), dass in der Wildnis gelegentlich Umstände auftreten, die ein Abweichen vom Hauptnahrungsmittel erfordern. Und wenn Tierisches dadurch schon immer, wenn auch niederprozentig, in der Nahrung des Menschen vorhanden war, dann halte ich es nicht für angebracht, diesen geringen Anteil unter den Teppich zu kehren. Dann ist es von der Natur so gedacht, dann soll es wohl so sein, dann ist es gut für den Körper, und ich möchte nichts missen, was zu haben die Natur uns rät. Bei Tierischem für uns Menschen glaube ich nicht an Fleisch größerer Beutetiere von Maus über Ente und Wildschwein bis Büffel. Erstens scheinen wir, der meisten Menschen Bekunden nach, keinen Jagdinstinkt zu verspüren - der kindliche Spaß am Fangespielen sei wahrscheinlich nicht überzubewerten -, wenn wir in die Nähe potentieller Beute geraten und im Hinterkopf nicht die gegrillte Version des Fanges tragen. Frisch getötetes Fleisch scheint für unseren Geruchs- und Geschmackssinn nicht anziehend zu sein, von dieser Erfahrung sprechen auch die fleischessenden Rohköstler. Selbst habe ich auch an frischem Fleisch gerochen und verspürte gar einen kleinen Würgereiz. Die Fleischbefürworter berufen sich auf älteres Fleisch bereits vor längerer Zeit verendeter oder von Raubtieren gerissener Tiere. Ich glaube nur extremst bedingt an diese Möglichkeit, und ich glaube schon gar nicht in dem Maße daran, welches zuzugestehen sich so manche Fleischesser nicht zieren. In der Wildnis geht es anders zu. Es gibt genügend Frischfleischverehrer unter den Tieren, die ein frisch erlegtes oder anderweitig umgekommenes Tier in ihren Mägen verschwinden lassen noch bevor im Osten die Sonne zum zweiten Mal aufgegangen ist. Es wird nicht mehr Beute als nötig erlegt und wer nicht kommt zur rechten Zeit, der erhält nicht mal mehr was übrig bleibt, es ist nämlich schon nichts mehr übrig. Alle suchen nach Fressen. Kaum ist ein Tier tot, zackzack bekommen es Aasfresser und Kleinstviecher wie Insekten spitz und lauern auf ihre Chance. Bären vergraben gar ihre Beute, ja schlafen manchmal sogar darauf, nur um sich nicht um ihren Verdienst bringen zu lassen. Oder: Falls z.B. ein Jaguar einen Kadaver beiseite bzw. auf den Baum schafft, um sich die Möglichkeit einer späteren, weiteren Mahlzeit davon zu bewahren, so ist die, lassen wir es eine Gazelle sein, für den daherkommenden, unbedingt Fleisch zu essen meinen müssenden und gewillten Menschen immer noch keine geritzte Sache. Raubtiere nämlich halten sich gerne in der näheren Umgebung ihrer hinterlassenen Vorratsbeute auf und sind bei Bedarf gerne zur Stelle, um ihr Habe höchst respekteinflößend zu verteidgen. Und wer das Zahngefletsche, die angelegten Ohren, die aufgestellten Nackenhaare und das drohende Grollen in der Stimme nicht hören will, der muss vermutlich fühlen. Ich wünsche eine angenehme Zeit. Ich geh' solang schon mal weiter.
Trotz der prikären Lage um das Fleisch wäre es wohl als töricht zu bezeichnen, nun zu folgern, dass der Mensch also mit 100%iger Sicherheit niemals einen Bissen Fleisch in seinem Leben zu sich genommen hat. Das Leben ist dynamisch und abwechslungsreich und es gibt immer mal Ausnahmen in jeder Regel. Wenn man 100 Jahre lang durch den Busch und sonstwo entlang streift, bekommt man gar alles mal zu sehen bzw. zu essen. Eier, Fleisch, Fisch, Honig in der Wabe (zu haben für fünf Stiche pro 20g). Es ist eben nur eine Frage des angemessenen Maßes. Sich den Anteil der Ausnahmen künstlich durch Bestellservice und Preparierung in die Höhe zu treiben bzw. sich die Ausnahme zur Regel zu machen, eben unnatürliche Maßeinheiten zu sich zu nehmen, darin besteht die Gefahr der Unzuträglichkeit für den Körper. Noch vor der instinktiven Geschmacksbefragung sollte man sich meines Erachtens die Frage nach der wahrscheinlichen Häufigkeit des Vorkommens einer Speise in der Natur mit um möglichst viel Realität bemühter Ehrlichkeit beantworten.
Ich würde es mir z.B. bis zu viermal überlegen, bevor ich irgend etwas trocknen würde. Flüssigkeit ist das Lebenselixier, als Geschmacksbeweis sollte man sämtliche Dinge frisch und saftig probieren. Getrocknetes Zeugs ist in der Natur ungefähr so rar wie der 29.Februar. Aufgrund des natürlichen Gleichgewichts von Nahrung und Essenden bleibt schwerlich die Zeit zum trocknen. Zudem ist es im Urwald zwar schön warm, aber doch feucht und vornehmlich schattig.
Noch eine andere Sache in puncto Tierisches oder nicht: Es gibt viele verschiedene Menschenrassen und es lassen sich vermutlich nicht alle über einen Kamm scheren. Wieso sollten sie alle die selben Bedürfnisse haben? Von jeder Tierart gibt es mehrere Unterarten und der Speiseplan der einen ist nur selten identisch mit dem der anderen. Die einen essen doch mehr davon und die anderen hiervon, je nach Schnauze und Lebensraum. Wenn ein Mensch die Lust verspürt und in der Lage ist, sich irgendein ein Getier, sei es nun Ameise, Ei, Ente, Wildschwein, Krebs, Muschel, Thunfisch, Tiefseegarnele oder Blauwal, ohne hochentwickelte Hilfsmittel zu fangen oder anderweitig in dessen Besitz zu kommen und ihm der frische Verzehr seiner Beute Genuss bereitet, so kann ich nicht anders, als dies natürlich zu finden und von einer gesunden Wirkung davon auf den Körper auszugehen. Wenn! Ich schenke dem Instinkt weitaus mehr Vetrauen als dem Intellekt.
Am Ende scheint mir 100% vegan zu steril, zu sauber und fast schon künstlich zu wirken. Auch ethische und moralische Motive der Tierentsagung scheinen mir nicht angebracht zu sein, wenn es um den Gnuverzehr des Löwen, den Eierverzehr der Eierschlange, den Fischverzehr des Haies, den Fliegenverzehr des Chamäleons, den Kleinstinsektverzehr großer Pflanzenfresser geht und letztendlich um den gewiss nicht nullprozentigen Anteil von Tierischem, weiß der Kuckuck, der weiß es vielleicht wirklich, was und wieviel es nun sein mag, in der menschlichen Nahrung. Ich finde es nicht passend, die Arbeitsweisen und die Gesinnung der Natur als ethisch oder moralisch stumpf zu bezeichnen. Dass der wenn nicht, dann letztendlich durch seine großen Ausmaße unartgerechte Verzehr von größeren Beutetieren und deren Massenhaltung eine Schande ist, bedeutet meines Erachtens nicht selbstredend, dass durch den Verzehr anderer Lebewesen intelektuell hervorgerufene Schuldgefühle natürlich und gerechtfertigt sind und somit gepflegt werden sollten. Im Sinne des Kreislaufes der Natur zu leben, darin sehe ich keinen Anlass zu Schuldgefühlen. Wenn ein dreijähriges Kind neugierig im Garten herumschnüffelt und sich irgendein Wildkraut, oder aber auch eine kleine Heuschrecke in den Mund stopft, dann ist das doch okay. Ich werde ihm zumindest nicht sagen 'Bäh, das kann man nicht essen.' Kinder sind in ihrer Unvoreingenommenheit oft noch die besten Beobachtungsbeispiele für instinktives, natürliches Verhalten. Was? Das mit der Heuschrecke möchte man nicht glauben? Es steht oft genug ein Kinderwagen irgendwo herum. Man kann so einem kleinen Menschen ja mal eine Heuschrecke geben, wenn sich die Mutter gerade umdreht. Man wird erstaunt sein. Ich habe sowas natürlich noch nicht gemacht. Ich habe selbst ja noch nicht mal eine Heuschrecke gegessen, aber ich besitze gewaltige empathische Fähigkeiten und wende diese auf Urmenschen und Urinstinkte an, auf dass ich immer mehr einer von ihnen werde. Das Wort 'Empathie' hatte ich übrigens auch nachzuschlagen. Es lohnt sich.
All diese Gedanken zum Urleben veranlassen mich nach nun 2 ½ Jahren veganer Rohkost zu denken, dass ein, wenn auch sehr geringer, tierischer Nahrungsanteil die Regel bestätigende und somit aber doch auch nötige Ausnahme darstellt. Ich muss mal sehen, wie ich meine zukünftige Nahrungswahl anhand dieser Auffasung handhaben werde. Es ist und wird als zivilisierter Mensch immer schwer bis unmöglich bleiben, den Nagel der wahrhaftigen Urnaturkost auf den Kopf zu treffen.


Letzte Änderung: 29.10.2001 16:32:50 - Autor: alexis - Letzter Autor: Brigitte Rondholz
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